Textanalyse – so geht's

Wie wird ein Medientext von SchülerInnen korrekt beschrieben, analysiert, gedeutet oder bewertet? Anhand eines Beispiels aus DER ZEIT Nr. 11 vom 3. März 2016 zum Thema „Donald Trump“ soll eine exemplarisch Auseinandersetzung mit Medientexten im Unterricht aufgezeigt werden.

Textbeispiel: Brutal erfolgreich

Donald Trump versetzt die Republikaner in Schockstarre. Dabei treibt er deren Politik nur auf die Spitze.

Lesen Sie hier den Originalartikel auf ZEIT ONLINE.

Donald Trump Illustration
© pixabay

Analyse

Überschrift

Argumentationsstruktur

  • Erregung von Aufmerksamkeit: Erfolg in der Politik wird eigentlich von Sachlichkeit, nicht Brutalität erwartet.

Sprachliche Gestaltung

  • Äußerst verknappter und dabei äußerst prägnanter Ausdruck.
  • Leicht ungrammatische, aber modische Verwendung eines Adjektivs als Steigerungswort („brutal“ für schlichtes „sehr“), was eine „moderne“ Art der Darstellung verspricht.

Untertitel

Inhalt

  • Die These des Artikels wird in der Überschrift nur angedeutet, im Untertitel bereits näher erläutert. Der Leser weiß nun, dass es nicht um die viel beschworene „Brutalität“ Trumps allein geht, sondern um deren Zusammenhang mit der republikanischen Partei insgesamt.

Argumentationsstruktur

  • Signalisierung der Autorenmeinung: Der erste Satz bezieht sich auf die negative Wirkung Trumps auf die Partei, der zweite deutet die Erklärung für Trumps Auftreten an.
  • Paradox: „Schockstarre“ ist eigentlich die Wirkung eines von außen kommenden und nicht zu verhindernden Ereignisses. Hier aber kommt die Wirkung von innen und wäre zu verhindern gewesen.

Sprachliche Gestaltung

  • Prägnante Wortwahl/kühne Metapher: „Schockstarre“ stammt aus der Kältetechnik (die jeder vom Einfrieren von Kühlgut kennt). Sie ist ein besonders starker Ausdruck für die überraschte Reaktion der Republikaner.
  • Ironie: Die Reaktion der Republikaner wird mit dem schlichten „dabei“ als Satzverbindung ironisiert (in Wirklichkeit hätte niemand erstaunt sein dürfen!).
  • Metapher: „auf die Spitze treiben“ für „konsequent entfalten“.

Erster Absatz

Inhalt

  • Die Autorin entfaltet die im Untertitel angedeutete These, dass das „Phänomen Trump“ kein persönliches ist (nicht mit der rein persönlichen Erscheinung dieses Kandidaten zusammenhängt), sondern ein parteiinternes, ja parteigemachtes.

Argumentationsstruktur

  • Die Autorin entwickelt das Paradoxe der Situation in ersten Einzelheiten: Die Partei will nicht erkennen, dass das „Phänomen Trump“ von ihr selbst erzeugt wurde.

Sprachliche Gestaltung

  • Metaphern: Trump als „Kind seiner Partei“, „Angstschweiß auf der Stirn“.
  • Wortbildung, Neologismus (aus dem Polizeijargon): „Intensivtäter“.
  • Umgangssprachliche Wortwahl: „weigert sich stur“, „von der Bildfläche verschwinden“.
  • Umschreibung: „Grand Old Party“ für die Partei der Republikaner.
  • Fazit: Trump hat „auf die Spitze getrieben“, was die Partei „vorgemacht“ hat.

Zweiter Absatz

Inhalt

  • Die Autorin führt Beispiele für die Politik der Republikaner an, die zeigen, dass Trump diese Linie nur fortsetzt.

Argumentationsstruktur

  • Die Beispiele sind im Einzelnen: Verweigerung von Kompromissbereitschaft, Kampf für den totalen Sieg über Obama, Anstreben von Stillstand, Jubel über den Rückzug eines (eigentlich „vernünftigen“) Pragmatikers.
  • Als Folge ergibt sich eine „Figur Trump“, die es an Respekt und Mäßigung fehlen lässt.

Sprachliche Gestaltung

  • Starke Metapher: Der Ausdruck „totaler Sieg“ erinnert an das Vokabular des Faschismus (berühmt-berüchtigte Rede von Joseph Goebbels: „Wollt ihr den totalen Krieg?“).
  • Stark emotionale Umschreibung: „stellen sich mit verschränkten Armen in die Ecke“.
  • Aufzählung, Dreierfigur: Sie erklärten für „Verrat“, sie „drohten“, sie „jubelten“.
  • Metapher: das „Handtuch werfen“ für „ausscheiden“.
  • Rhetorische Frage: „Warum also soll Donald Trump nun respektvoll und gemäßigt auftreten …?“
  • Wortspiel (mit jeweils zwei Gliedern): „respektvoll und gemäßigt auftreten“ neben „(sich) in Respektlosigkeit und Blockade“ gefallen.
  • Parallelismus als Antithese: „Trump hat die Politik des Brutalismus nicht erfunden, er hat sie nur perfektioniert.“

Dritter Absatz

Inhalt

  • Analyse von Trumps Verhalten, dessen Erfolg die Partei irritiert.

Argumentationsstruktur

  • Beschreibung wichtiger Züge des Verhaltens: brutales Vorgehen gegen Minderheiten und Frauen, Missachten ideologischer Vorgaben der Partei (Favorisierung von Freihandel, Kürzung von Sozialversicherungsleistungen, Ablehnung von Abtreibung), dafür Mischung von Brutalismus und Mitgefühl.

Sprachliche Gestaltung

  • Dreierfigur: Mexikaner, Muslime und Frauen.
  • Dreierfigur (mit Anaphern): gegen Freihandel, gegen Kürzung von Leistungen, Zustimmung zur Abtreibung.
  • Ironische Umschreibung: „viel Gutes abgewinnen« für „anerkennen“.
  • Paradox: Die Partei hält Mitgefühl für verfehlt, aber Trump ist mit Mitgefühl erfolgreich. Weil der Partei dies unbegreiflich ist, wird sie „wahnsinnig“.

Vierter Absatz

Inhalt

  • Die Autorin greift den letzten Gedanken auf und baut ihn aus: den Verzicht auf Mitgefühl mit den Minderheiten und Unterschichten.

Argumentationsstruktur

  • Beispiele für den Verzicht auf Mitgefühl: Vertröstung der Arbeiterschaft, Diffamierung des Rechts auf Abtreibung sowie der Homo-Ehe, Einsatz für Waffenkontrolle statt Besteuerung der Reichen usf.
  • Schlussfolgerung: Der Verzicht auf Mitgefühl hat die „Gefühlsoffensive“ Trumps erst möglich gemacht.

Sprachliche Gestaltung

  • Saloppe Wortwahl: „gebetsmühlenartige“ Wiederholung, „man nennt das“.
  • Litotes: „nicht gerade ein stolzes Bild“ für „ein schwaches Bild“.
  • Pathetische Metaphern: „gebeugte Menschen“, die „am Boden die Krumen aufsammeln“.
  • Ironie: Die Republikaner haben es „geschafft“, die Bürger hinters Licht zu führen.
  • Aufzählung: Steuern der Reichen senken, Leistungen für die Armen zurückfahren, Löhne kürzen, Jobs ins Ausland verlegen.
  • Fazit: „Eben mit diesem Modell hat die Partei den Boden für Trumps brutale Gefühlsoffensive bereitet.“
  • Pathetischer Neologismus: „Gefühlsoffensive“.

Fünfter Abstaz

Inhalt

  • Trumps Forderungen, die auf Mitgefühl beruhen (Einsatz für schlecht Ausgebildete und Schutz der Sozialversicherungen), finden Zustimmung, die problematischen Forderungen (Einführung der Folter und Todesdrohungen für die Familien von Terroristen) werden darüber ausgeblendet.

Argumentationsstruktur

  • Die problematischen Forderungen werden nicht nur ausgeblendet, sondern gelten in ihrer Radikalität auch noch als Beweis dafür, dass Trump die auf Mitgefühl beruhenden auch wirklich durchsetzt.

Sprachliche Gestaltung

  • Parallelismus, Anapher: „Ich liebe …, ich werde …“
  • Antithese: Die einen Forderungen „finden Gehör“, die anderen „stören sie nicht“.
  • Hyperbel: „vor nichts zurückscheuen“.

Sechster Absatz

Inhalt

  • Die Partei ist entsetzt, sieht aber keine Möglichkeit, Trump zu stoppen. Statt die eigenen Fehler einzusehen, sieht sie dem eigenen Untergang tatenlos zu.

Argumentationsstruktur

  • Die Panik führt dazu, dass keine Mittel gefunden werden, dem Unheil entgegenzusteuern.
  • Über die Mittel, die es gibt (einerseits hinsichtlich der Kandidatur für das Präsidentenamt, andererseits hinsichtlich der Präsidentschaft selbst), besteht auch noch Uneinigkeit.
  • Daher läuft alles auf ein Zuschauen beim eigenen Untergang hinaus.

Sprachliche Gestaltung

  • Alliteration: „Die Partei ist in Panik.“
  • Pathetische Metapher, Anspielung: „das Monster, das sie geschaffen hat“ (nach dem Klassiker des „Frankenstein“-Romans von Mary Shelley).
  • Umschreibung: „Phänomen Trump“ für das problematische Auftreten Trumps als Politiker.
  • Pathetische Metaphern: „schockstarr zusehen“, „auf den Abgrund zutreiben“.

Siebter Absatz

Inhalt

  • In der verzweifelten Situation kommt die Partei auf die Idee, Trump gegen die Wählerstimmen doch noch aus der Bewerbung herauszuhalten. Das würde das Ende der Partei bedeuten, die dann neu zu gründen wäre.

Argumentationsstruktur

  • Angesichts der Wahrscheinlichkeit von Trumps Nominierung sucht die Partei in den Nominierungsregeln nach Möglichkeiten, den eigenen Bewerber zu stoppen.
  • Weil dann die Wähler voraussichtlich einen Aufstand machen, setzt man auf das letzte Mittel: einen Putsch.
  • Die Auflösung der Partei mit anschließender möglichst rascher Neugründung wäre die logische Folge.

Sprachliche Gestaltung

  • Logische Analyse: „Aus dem Undenkbaren ist das Wahrscheinliche geworden.“
  • Sprachspiel: „verzweifelte Idee“ und „im Zweifelsfall“.
  • Pathetische Metapher: „Aufstand der Wähler“.
  • Parallelismus, Antithese: „Trump hat die Partei nicht zerstört, er hat ihre Selbstdemontage nur vollendet.“
  • Prägnante Formulierungen, Fazit: „Irgendwann muss sie neu gegründet werden. Am besten bald.“

Gesamteindruck

Kerstin Kohlenbergs Beitrag ist nur verständlich, wenn man sich die bisherige Berichterstattung über den Wahlkampf von Donald Trump vor Augen hält. Stets wurde das Clowneske seines Auftretens hervorgehoben, die Radikalität seiner Forderungen in Verbindung mit der Schamlosigkeit ihrer Formulierung. Darin schien eine Art persönliches Markenzeichen zu liegen: Trump, der „Verrückte“. Zugleich verband sich mit dieser Einschätzung die Erwartung, all dies werde sich in kurzer Zeit von selbst erledigen. Die Zuhörer würden noch eine Weile die Show goutieren, sich dann aber seriöseren Bewerbern zuwenden. Trump erschien als eine Art „psychologisches Problem“.

Kohlenbergs These lautet dagegen: Diese Einschätzung war grundfalsch, das „Phänomen Trump“ lässt sich nicht psychologisch verstehen, sondern nur politisch. Und dann die eigentliche Zuspitzung: Trump verficht keine „persönliche“ Politik, sondern die seiner Partei. Nur ergibt sich daraus ein großes Paradox. Die Partei der Republikaner will keinen Kandidaten, der diese Politik vertritt oder genauer: der ihre Partei auf diese Weise vertritt. Die Republikaner haben lange so gehandelt wie Trump, aber nicht offen, vor allem nicht in dieser „Sprache“. Sie wollten mit ihren unseriösen Forderungen eine seriöse Partei bleiben. Trump führt ihnen vor, dass das nicht zu machen ist. Trump zeigt, was die Partei schon immer wollte, aber nicht auszusprechen wagte, nicht auf diese Weise.

Ist diese These gut begründet? Man muss sagen, dass Kohlenberg das „Phänomen Trump“ sorgfältig analysiert, indem sie sowohl Beispiele für die „unseriöse“ Politik der Partei bietet als auch Beispiele für die „unseriösen“ Angebote Trumps – beides in einer augenfälligen Übereinstimmung. Es ist so gesehen richtig, dass die Aufregung der Partei eigentlich unverständlich erscheint. Diese Aufregung entspringt eben der Tatsache, dass niemand bislang das Unseriöse erkannte oder gar anprangerte. Nun wird es von Trump in aller Konsequenz vorgeführt. Das aber führt zu einer Entlarvung, an der die Partei zu zerbrechen droht.

Diese Analyse leuchtet logisch ein. Weiterhin kann festgehalten werden, dass die vorliegende Analyse etwas bislang Verborgenes aufdeckt. Dieses Verborgene lautet: Trump ist die Partei, aber die Partei will nicht (wie) Trump sein. Wenn man von einem politischen Artikel erwartet, dass er Hintergründe aufdeckt, ist dies Kohlenberg gelungen. Man kann, wenn man zustimmt, Trump nicht länger psychologisch betrachten (und ihn dann belächeln oder beschimpfen), sondern muss sein Auftreten als Teil der republikanischen Politik erkennen.

Ist diese These sprachlich klar, anregend, überzeugend formuliert? Hier ist zu konstatieren, dass Kohlenberg ihre These von Anfang an in immer neuer Differenzierung vorträgt und dabei darauf achtet, den Leser mitzunehmen, ihn aufzumuntern. Dazu dienen rhetorische Wortfiguren, speziell (pathetische) Metaphern, ironische Formulierungen, Umschreibungen, Wortspiele. Weiterhin kommen rhetorische Satzfiguren zum Einsatz, besonders stark rhetorische Fragen, Parallelismen, Antithesen und paradoxe Wendungen. Die Darstellung ist rhetorisch nicht überhäuft, aber immer wieder geschliffen. Gegen die Grundforderung der verständlichen Darstellung wird nirgends verstoßen.

Damit sind zwei Hauptaufgaben der Darstellung aus rhetorischer Sicht erfüllt: gute Argumentation und lebendige Sprache. Weil sich dies mit einer interessanten These verbindet, kann man dem Beitrag hohe Qualität bescheinigen. Er hat das Bild von Donald Trumps Wahlkampf durchaus auf eigene und intelligente Art neu beleuchtet.

Arbeitsanregungen

Basis-Aufgaben

  1. Die Autorin analysiert die Politik der republikanischen Partei.
    Worin liegen die problematischen Seiten dieser Politik?
  2. Die Autorin analysiert die Versprechungen von Donald Trump.
    Worin liegen die problematischen Seiten dieser Versprechungen?
  3. Worin genau unterscheiden sich laut dem vorliegenden Artikel Trump und seine Partei, wenn die politischen Überzeugungen eigentlich die gleichen sind?

Weiterführende Aufgaben

  1. Die Autorin enthüllt die bisherige Einschätzung von Donald Trump als Politikclown als unzureichend.
    Wie begründet sie dies?
  2. Weshalb konnte sich Trump nach Meinung der Autorin durchsetzen, obwohl er dem Bild eines republikanischen Politikers so stark widerspricht?
  3. Der Text geht von einer grundlegenden Paradoxie im Hinblick auf die Politik von Trump und seiner Partei aus. Worin genau besteht diese Paradoxie, was ist paradox am „Phänomen Trump“?
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