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Sexuelle Über­griffe im Internet: Verboten und trotzdem Alltag

Übergriffe sexueller Art sind im Internet weit­verbreitet. Wie sich Schüler und Schülerinnen davor schützen können, erklärt der Cyber­kriminologe Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger.

Schüler sitzt vor Fenster
© Getty Images

Herr Dr. Rüdiger, mit welchen digitalen sexuellen Über­griffen werden Kinder und Jugendliche heut­zu­tage vor allem konfrontiert?
Wir haben es bei den Delikten vor allem mit „Sextortion“ zu tun, dem unerwünschten Zusenden porno­grafischer Medien, ebenso mit Cyber­grooming. Dabei ist mir immer wichtig, die Begriffe zu klären, da mittlerweile sehr viel durch­einander­geht. Unter „Sextortion“, einem Koffer­wort aus Sex und Extortion, Erpressung, versteht man klassischer­weise, dass erwachsene oder jugendliche Täter Personen im Netz dazu bringen, vor der Webcam beispiels­weise zu masturbieren. Sie erpressen die Opfer anschließend um Geld mit der Drohung, das gefilmte Material zu veröffentlichen.

Zu Sextortion zählt inzwischen aber auch im weiteren Sinne, wenn Kinder und Jugendliche sich gegenseitig Masturbations­videos oder entsprechende -bilder schicken und den oder die andere damit zu weiteren sexuellen Handlungen erpressen. Auch das unerwünschte und straf­bare Zusenden von porno­grafischen Medien, häufig in Form von Bildern des Geschlechts­teils, also einem sogenannten „Dickpic“, ist ein bei allen Alters­stufen verbreitetes Delikt.

Dann werden Kinder und Jugendliche auch selbst zu Tätern?
Genau. Bei allen digitalen Delikten registrieren wir leider eine steigende Anzahl von Kindern und Jugendlichen als Tat­verdächtigen. Für solche Tathandlungen unter Minder­jährigen gibt es keinen etablierten Begriff zur Abgrenzung von organisierten Tätern, denen es um Geld geht.

Sextortion kann außerdem Auslöser für Cyber­grooming werden. Nämlich dann, wenn die Täter die Videos nutzen, um weitere sexuelle Handlungen zu erpressen. Als Cyber­grooming gilt das online­basierte Einwirken auf ein Kind zur Einleitung oder Intensivierung eines sexuellen Missbrauchs. Es steht nach Paragraf 176 Abs. 4 Nr. 3 und aus meiner Sicht auch Nr. 4 des Straf­gesetz­buchs unter Strafe.

Muss der Täter dafür das Kind in der Realität treffen?
Nein, strafbar macht sich bereits, wer auf das Kind einwirkt. Entweder kommt es zu einem Treffen, bei dem der Täter das Kind physisch missbraucht, wir sprechen dann von einem „Hands-on-Delikt“. Beim „Hands-off-Delikt“ hingegen bringt der Täter das Kind online dazu, sexuelle Handlungen oder Ähnliches vor der Kamera auszuführen.

Der Täter muss übrigens kein Erwachsener sein. Wenn ein 14-jähriger Junge auf ein elf­jähriges Mädchen einwirkt in der Hoffnung, dadurch sexuelle Handlungen zu ermöglichen, kann das juristisch gesehen bereits Cyber­grooming darstellen. Es kommt nur auf die Einwirkung als solche an, nicht auf den Erfolg. Kinder und Jugendliche machen auch hier mittler­weile annähernd die Hälfte aller Tatverdächtigen aus.

Es gibt kaum offizielle Zahlen zum Cyber­grooming. Sie gehen davon aus, dass nahezu jedes Kind im Netz Opfer von Sexual­delikten wird. Ist das über­trieben?
Ich sage nicht, dass ein Kind Opfer wird, sondern dass ein Kind mit einem Sexualtäter im Netz konfrontiert wird. Dunkel­feld­studien zeigen bereits relativ hohe Viktimisierungs­zahlen bei digitalen Sexual­delikten gegen­über Kindern.

Damit diese aber von solchen Konfrontationen über­haupt berichten können, müssen sie die Situation auch erkannt haben. Das Kennzeichen von Cyber­grooming ist aber gerade, dass Kinder nicht per se bemerken, wer der Kommunikations­partner ist und welche Absichten er hat. Wenn ein Erwachsener sich beispiels­weise in einem Online-Game als gleich­altriger Mitspieler ausgibt und länger auf das Kind einwirkt, kann es ja sein, dass das Kind den Kontakt abbricht, weil es kein Interesse hat. Trotzdem hat das straf­rechtliche Einwirken, das Cyber­grooming, statt­gefunden.

Dr. Thomas-Gabriel Günther Thomas-Gabriel Rüdiger beschäftigt sich als Cyber­kriminologe mit dem Wechsel­spiel zwischen dem digitalen Raum, der Entstehung von Kriminalität und der Kriminalitäts­kontrolle. Dabei interessieren ihn vor allem die Risiken sozialer Medien sowie die polizeilichen Möglichkeiten, auf diese Risiken zu reagieren. Seit April ist er Doktor der Rechts­wissenschaften, er hat mit einer intra­disziplinären Forschungs­arbeit über Cyber­grooming promoviert. © privat

Dabei muss man auch festhalten, dass Täter offenbar kaum Angst vor Straf­verfolgung haben und daher sehr aggressiv und offen vorgehen. Ein Polizist, der sich als Kind im Netz ausgibt, um Täter zu über­führen, hat mal gesagt, es sei, als wenn man ein Stück Fleisch in ein Becken voller Piranhas hält – so aggressiv sind Täter! Diese geringe Angst vor Straf­verfolgung deckt sich auch mit einer nur sehr niedrigen Anzeige-, aber einer hohen Aufklärungs­quote für die Täter. Diese betreiben aufgrund der geringen Angst vor Straf­verfolgung nur geringe Maßnahmen, um die Straf­verfolgung zu behindern, was wiederum in hohe Aufklärungs­quoten münden kann.

Insofern nehme ich tatsächlich an, dass kaum ein Kind im Netz aufwächst, das nicht wenigstens einmal mit einem Täter konfrontiert wird. Kinder müssen daher auf diese Risiken vorbereitet werden.

Wie kann das gehen?
Früher war ich überzeugt, dass Medienkompetenz der beste und eventuell auch einzige Schutz ist. Die aktuelle „EU Kids Online“-Studie hat mich aber nach­denklich gemacht. Dort heißt es, vereinfacht aus­gedrückt: Je höher die digitale Kompetenz eines Kindes ist, umso häufiger berichtet es von der Konfrontation mit digitalen Risiken. Das ist letztlich folge­richtig. Wenn Eltern das Gefühl haben, dass ihre Kinder sehr sicher im Umgang mit dem Internet sind, kontrollieren sie weniger. Die Kinder verbringen immer mehr Zeit im Netz und sind anfälliger für Risiken.

Können Sie Beispiele nennen?
Es gibt viele Fälle, in denen Kinder auf Sexualtäter im Netz rein­fallen, obwohl sie in der Schule an Medien­abenden oder ähnlichen Angeboten teil­genommen haben. Teilweise nutzen Täter auch Informationen und Bilder aus sozialen Medien von realen Kindern und kreieren damit täuschend echt erscheinende Fake-Accounts, mit denen sie dann Kinder ansprechen und in sexuelle Interaktionen zu verwickeln versuchen. Selbst wenn Kinder dann beispielhaft prüfen, ob die Accounts echt sind, stoßen sie auf die Daten zum realen Kind und gehen davon aus, dass es stimmt.

Man muss ganz klar sagen: Nur weil Kinder und Jugendliche eine gewisse Medien­kompetenz erlangt haben, können sie nicht unbedingt einem erwachsenen Sexual­straf­täter standhalten. Damit über­schätzt man sie und schiebt auch ein wenig die Verantwortung auf die Kinder.

Was schlagen Sie als Prävention vor?
Leitfäden oder Medienabende für Schüler, Lehrende oder Eltern können ein erster und wichtiger Ansatz sein. Ich rate Eltern aber vor allem, sich bewusst zu machen, dass sie die Kinder mit dem eigenen Smartphone in einen globalen Kommunikations- und Inter­aktions­raum entlassen, auf den man sie genauso gut wie auf den Schulweg vorbereiten muss. Diesen läuft man auch vorher ab, man vermittelt Risiken und verfügt natürlich über eigene Erfahrungen mit dem Straßen­verkehr.

In der digitalen Welt gibt es gegenwärtig keine wirksamen gesellschaftlichen Schutz­mechanismen wie rote Ampeln oder Bürger­steige. Eltern müssen diese Orte daher selbst auskundschaften. Nur so können sie Einfalls­tore für Täter wahrnehmen. Ein Bekannter hatte sich zum Beispiel probe­weise als Kind bei einem Online-Spiel angemeldet und wurde bereits am ersten Tag gefragt, ob er denn schon einen „Schwanz“ habe. Solche Erfahrungen sensibilisieren.

Wenn Ihr Kind ein neues soziales Medium oder Online-Spiel nutzen will, installieren Sie es sich auf Ihrem Rechner zuerst selbst und probieren es einige Wochen lang intensiv aus.
Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyber­kriminologe

Mein Ratschlag also: Wenn Ihr Kind ein neues soziales Medium oder Online-Spiel nutzen will, installieren Sie es sich auf Ihrem Rechner zuerst selbst und probieren es einige Wochen lang intensiv aus. Anschließend sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber. Das kostet Zeit und ist vielleicht anstrengend. Aber wer auf sein Kind aufpassen möchte, kommt daran nicht vorbei.

Gleichwohl muss auch die Gesellschaft einen Weg finden, Kinder zu schützen, deren Eltern kein Interesse oder nicht die Fähigkeit haben, ihr Kind auf Risiken vorzubereiten.

Wie wichtig sind juristische Kenntnisse?
Aus meiner Sicht: sehr wichtig. Vor allem auch, da die Anzahl an minder­jährigen Tat­verdächtigen bei digitalen Delikten stetig steigt. Ich denke daher, dass wir eine Art Straf­rechts­kunde an Schulen etablieren sollten – am besten ab der Grund­schule. Da sollte auch erklärt werden, womit Kinder und Jugendliche sich selbst strafbar machen können. Denn, seien wir ehrlich, woher sollten denn Eltern dieses Wissen haben?

Stellen wir uns zum Beispiel zwei 13-Jährige vor, die ihre erste Beziehung mit­einander haben. Der eine wird 14 und bittet seine Freundin dann um ein Masturbations­video. Das ist in dem Moment Kinder­porno­grafie. Außerdem machen sich beide strafbar, auch wenn die 13-Jährige wegen der Schuld­unmündigkeit nicht bestraft werden kann. Trotzdem kann eine Straftat vorhanden sein.

Auch muss die Opfersicht verstärkt bei allen digitalen Delikten von Cyber­mobbing bis Cyber­grooming kommuniziert werden. Denn für das Opfer spielt es wohl keine Rolle, ob es von einem 12-Jährigen, einem 20-Jährigen oder einem 55-Jährigen missbraucht wird.

Haben Sie weitere praktische Tipps für Kinder und Jugendliche?
Mein erster Ratschlag wäre natürlich, als betroffenes Kind zu den Eltern zu gehen. Viele Kinder und Jugendliche machen das aber meiner Erfahrung nach nicht, weil sie fürchten, dass ihnen dann das Handy abgenommen wird. Da sind die Eltern auf­gefordert, den Kindern von Anfang an zu sagen, dass sie nicht schuld an den sexuellen Über­griffen im Netz sind und dass man gemeinsam Lösungen finden wird.

Und natürlich können Kinder und Jugendliche immer die Polizei ansprechen. Jede Wache steht ihnen offen.

Thomas-Gabriel Rüdiger ist auch auf Instagram und Twitter

Bekämpfung sexueller Ausnutzung bei Facebook

Facebook stellt für Jugendliche, Pädagogen und Betreuer eine Plattform zur Bekämpfung von sexueller Ausnutzung bereit. Sie wurde von dem US-amerikanischen und durch die Schauspieler Ashton Kutcher und Demi Moore mitgegründeten Unternehmen Thorn entwickelt und von Facebook angepasst.

Auf dem Hub finden sich viele praktische Tipps: Zum Beispiel, dass man immer „Nein“ sagen kann, wenn einen jemand im Netz um etwas bittet, was man nicht möchte. Außerdem sollte man die gesamte Unterhaltung mit der Person, die einen bedroht, abspeichern. Andere können dadurch besser nach­voll­ziehen, was geschehen ist.

Außerdem können Inhalte und Profile bei Facebook natürlich auch zur Über­prüfung gemeldet werden. Wenn man Facebooks Melde­funktion nutzt, kann man beispiels­weise die Kategorie „Belästigung“ auswählen. Inhalte, die gegen unsere Gemeinschafts­standards verstoßen, werden entfernt. Darunter fallen zum Beispiel auch intime Bilder, die ohne Einwilligung weiter­verbreitet werden.

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