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„Schule darf kein Ort des Scheiterns sein“

Armut, Bildung, Perspektiven – Jugend­sozial­arbeiterin Anne Luther hat in ihrem Arbeits­alltag mit viel Ungleichheit zu tun. Wie kann es gelingen, einen Beitrag zu einer gerechteren Zukunft zu leisten?

Schüler an Tafel
© 123rf / Tatyana Tomsickova

Frau Luther, nicht alle Kinder haben die gleichen Chancen und Perspektiven. Weshalb?
Chancengleichheit ist ein Fundament unserer Demokratie – sie ist auch in Artikel 3 Absatz 3 des Grund­gesetzes fest­geschrieben. Eine formal­rechtliche Gleichheit haben wir also – in der Praxis sieht das leider oft noch anders aus. Der sozio­ökonomische Hinter­grund von Jugendlichen – zum Beispiel fehlende Bildungs­abschlüsse und ein niedriger beruflicher Status der Eltern sowie mangelnde materielle Ressourcen einer Familie – können sich nach wie vor benachteiligend auf die Bildungs­chancen der Kinder auswirken. Kinder­armut spielt eine große Rolle – in Berlin ist fast jedes dritte Kind armuts­gefährdet. Diese Benachteiligungen müssen wir erkennen und auszugleichen versuchen.

Könnte man also sagen: Bildungs­erfolg wird weiter­vererbt?
Wissenschaftliche Studien wie ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (OECD) aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass Kinder aus Familien mit niedrigen Bildungs­abschlüssen oft einen ähnlichen Bildungs­weg einschlagen. Auch wenn wir seit PISA deutliche Fortschritte gemacht haben, gilt weiter­hin: Die Wahr­scheinlichkeit, Abitur zu machen, ist für Kinder aus sozio­ökonomisch benachteiligten Familien signifikant niedriger als für Akademiker­kinder. Und Kinder mit diesen Benachteiligungen gibt es an meiner Schule in Moabit.

Wie äußert sich die Benachteiligung im Schul­all­tag?
Die Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Gemein­schafts­schule, an der ich arbeite, sind einer­seits recht homogen in Bezug auf ihre soziale Herkunft – viele kommen zum Beispiel aus Familien, die Sozial­leistungen beziehen. Anderer­seits sind sie äußerst heterogen durch die Vielfalt ihrer biografischen Herkunft. Es sind ganz unter­schiedliche Charaktere mit ganz individuellen Bedürfnissen, die hier jeden Tag viele Stunden gemeinsam verbringen. Viele von ihnen haben wiederum gemeinsam, dass sie Stigmatisierung und Aus­grenzung erfahren haben. All diese Bedürfnisse und Belastungen kann man nicht morgens wie die Jacke an der Garderobe abgeben – sie sind Teil der Persönlichkeit und des Schul­all­tags und äußern sich hier. In den Leit­sätzen des SOS-Kinder­dorf heißt es genau deswegen auch: Wir achten Ein­malig­keit und leben Vielfalt. Diese Haltung ist in meiner Arbeit von zentraler Bedeutung.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie sich die soziale Herkunft auf die Chancen­gleich­heit auswirkt?
Die Bandbreite der Problemlagen, die mir als Schul­sozial­arbeiterin begegnen, ist erst mal enorm. Manchmal sind es vermeintliche Kleinigkeiten: Streitereien zwischen den Jugendlichen, Ärger über eine Note oder mit einem Lehrer, Stress mit den Eltern über Ausgangs­zeiten. Doch es gibt auch akute Krisen­fälle, in denen ich meinen Jugend­hilfe­auftrag wahr­nehmen muss. Vor Kurzem habe ich eine Jugendliche in eine Krisen­ein­richtung begleitet. Das Mädchen hat mit seinen 14 Jahren schon viele belastende Erfahrungen machen müssen: Es gab nie eine Person, die es „Mutter“ nennen konnte, keine stabilen Beziehungen, kein dauer­haftes Zuhause.

Ein anderes Beispiel ist ein Schüler, dessen Familie seit mehreren Jahren ohne gesicherten Aufenthalts­titel – also nur mit Duldung – in Deutschland lebt. Immer in der Angst, vielleicht doch nicht in Berlin bleiben zu dürfen. Die kontinuierliche Erfahrung von Unsicherheit und Chancen­ungleichheit dieser beiden Situationen über­trägt sich verständlicher­weise auch auf die Kinder. Solche Erfahrungen können sich in Gewalt, Schul-Distanz und anderem auffälligen Verhalten äußern – allesamt ein Zeichen für Not. Für diese Jugendlichen versuche ich im Schul­all­tag eine Konstante zu sein, sie zu unter­stützen und dadurch auch ein wenig Sicherheit zu vermitteln.

Portrait Anne Luther Anne Luther ist Jugend­sozial­arbeiterin an der Theodor-Heuss-Gemein­schafts­schule in Berlin-Moabit. © Carsten Luther

Wie hilft die Jugend­sozial­arbeit des SOS-Kinder­dorf genau?
An meiner Schule bin ich als Ansprech­partnerin für die 400 Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe da; ich höre zu, berate, schlichte und unter­stütze, wo ich kann. Es ist – mit Ausnahme akuter Kinder­schutz­fälle – ein offenes und frei­williges Angebot. Das heißt: Niemand muss mit­machen, jeder darf zu mir kommen. Auch mit Eltern, Geschwistern und anderen Akteuren der Jugend­hilfe arbeite ich möglichst eng zusammen.

Mein Ansatz ist ein systemischer: Auch wenn ich die Jugendlichen individuell betrachte, kann ich das soziale Umfeld nicht ausblenden. Hier bedarf es guter Vernetzung – einer allein kann das nicht schaffen. Es ist ungemein hilfreich, dass ich mich mit Erzieherinnen und Erziehern, Lehrkräften und der Schul­leitung beraten kann und dass wir uns gegen­seitig unter­stützen und ergänzen. Trotzdem ist das bei 400 Jugendlichen und Klassen, in denen jeweils bis zu 26 sehr unter­schiedliche junge Menschen sitzen, für alle eine enorme Heraus­forderung. Hier wünsche ich mir oft noch mehr Pädagoginnen und Pädagogen und kleinere Klassen.

Von Vorteil ist, dass es innerhalb des SOS-Kinder­dorf Berlin viele Angebote und Kooperations­möglichkeiten gibt, die mir bei der täglichen Arbeit helfen und die auf kurzen Wegen erreich­bar sind, wie zum Beispiel die Familien­beratung, das Jugend­beratungs­haus oder Ausbildungs- und Qualifizierungs­maßnahmen. So können wir gemeinsam in einem starken Netzwerk Jugendliche individuell und gezielt unter­stützen.

Wie gelingt das?
Für viele Schülerinnen und Schüler ist Schule ein Ort, den sie mit Scheitern oder mit negativen Erfahrungen verbinden – das können schlechte Noten sein, Stress innerhalb der Klassen­gemeinschaft oder mit Lehr­kräften. Es geht um unerreichte Ziele und das Gefühl, den Anforderungen nicht zu genügen.

Zusammen müssen wir es schaffen, dass Kinder und Jugendliche durch Erfolgs­erlebnisse motiviert werden.
Anne Luther, Jugendsozialarbeiterin

Wir müssen es schaffen, dass Schule positiv erlebt wird, dass auch kleine, individuelle Fort­schritte hervor­gehoben werden – in Bezug auf alle Kompetenzen und Fähig­keiten. Zum Beispiel, indem wir gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern kleine und realistische Ziele setzen, die für sie in absehbarer Zeit zu Erfolgs­erlebnissen werden können. In solchen Fällen rufe ich auch gern bei den Eltern an und sage ihnen, dass ihre Tochter oder ihr Sohn etwas Tolles geleistet hat. Die Eltern sind oft verwundert, dann aber stolz und geben das Lob an die Kinder weiter. So entwickelt sich eine Spirale, die Kinder und Jugendliche motiviert und sie selbst­bewusster macht.

Was wünschen Sie sich für Ihre Schülerinnen und Schüler?
Genau das! Jugendliche, die ihre Stärken kennen, die mutig sind und an sich glauben! Die Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, dass sie wert­geschätzt, unter­stützt und gerecht behandelt werden, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Ich wünsche ihnen, dass sie Sicherheit erfahren und Erfolgs­erlebnisse machen, dass sie ihr Potenzial erkennen. Ich wünsche mir Schülerinnen und Schüler, die neugierig und offen für alle Optionen und Chancen sind – auch nach ihrer Schul­zeit.

Schulleitung, Lehrkräfte, Sozial­pädagogen und Erzieher – uns allen stellt sich die Mammut­auf­gabe, die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen best­möglich zu fördern und zu unter­stützen. An der Herkunft der Schülerinnen und Schüler können wir nichts ändern – an ihrer Zukunft im besten Fall schon.

SOS Kinderdorf Campus

Das Bildungsprogramm „SOS-Kinderdorf Campus“ spricht gezielt Lehr­kräfte und SchülerInnen verschiedener Jahr­gangs­stufen und Unterrichts­fächer am Gymnasium an. Das Programm beinhaltet individuelle Module für Jugendliche rund um die Themen­felder Familie und gesellschaftliche Verantwortung. Dabei steht die praxis­nahe und persönliche Vermittlung von Wissen und Erfahrung im Mittel­punkt. Es wird in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Bremen angeboten. Im Rahmen der viel­fältigen Unterrichts­angebote kommen die Experten von SOS-Kinderdorf direkt in die Schule. Erfahren Sie mehr unter www.sos-kinderdorf-campus.de.

„SOS-Kinderdorf Campus“ ist ein Projekt von SOS-Kinderdorf e.V.
https://www.sos-kinderdorf.de

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