Gottes Wort deutsch

Ein unbekannter Autor hat bereits vor Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt. Die Augsburger Mittel­alter­germanistik analysiert und digitalisiert unter der Leitung von Prof. Dr. Freimut Löser 120 Hand­schriften, um sie in einer Hybrid-Ausgabe im Inter­net verfügbar zu machen. Das Projekt im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissen­schaften verbindet bewährte Methoden der Editions­philo­logie mit den Möglich­keiten digitaler Medien und geht neue Wege in der Mittel­alter­forschung.

Screenshot einer Transkriptionssoftware
Mithilfe einer Transkriptionssoftware werden die mittelalterlichen Textzeugen per Texterkennung automatisch ausgelesen, korrigiert und ausgezeichnet. Gleichzeitig können Besonderheiten wie Illustrationen erfasst werden, wie etwa auf dieser Seite aus der ältesten Handschrift des Evangelienwerks, bei der der Text von dem Bild des thronenden Jakob mit Spruchband begleitet wird. © Schaffhausen, Stadtbibliothek, Cod. gen. 8, fol. 6v; www.ecodices.unifr.ch

In der ersten Hälfte des 14. Jahr­hunderts hat ein namentlich bis­lang nicht bekannter Autor größere Teile der Bibel und dazu­gehörige Kommentare übersetzt. Über diesen sogenannten Öster­reichischen Bibel­über­setzer selbst wissen wir noch nicht viel. Sprache und Verbreitung der Über­lieferung seiner Texte weisen ins mittel­alter­liche Herzog­tum Öster­reich. In seinen Vor­reden verrät er, dass er Laie ist – also kein Geistlicher und damit auch nicht berechtigt, zu predigen und die Heilige Schrift auszulegen. Gleich­wohl zeigen seine Texte, dass er des Lateins nicht nur mächtig war, sondern auch befähigt, es in ein anspruch­svolles und gut verständliches Deutsch zu über­tragen. Auch war er in den theo­logischen Diskursen seiner Zeit zu Hause. Aus seinen Verteidigungs­schriften geht hervor, dass er sich wieder­holt Kritik aus­gesetzt sah, weil er es wagte, als Laie die Bibel zu über­setzen und zu kommentieren. Dagegen setzt er sich vehement zur Wehr und verteidigt sein Anliegen, anderen Laien den richtigen Glauben nahe­zu­bringen und sie im Wider­stand gegen falsche Lehren zu stärken.

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Die Übersetzungen bestehen aus einzelnen historischen und prophetischen Büchern aus dem Alten Testament sowie dem eigen­ständigen „Psalmen­kommentar“ und den Evangelien, die harmonisiert und mit Kommentaren an­gereichert sind.

Das Team aus Augsburg forscht im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissen­schaften und gefördert von der Deutschen Akademie­union – also an einer der zentralen Etappen der deutschen Bibel vor Luther. Das Ziel der Augsburger Arbeits­gruppe ist es, gemeinsam mit der­jenigen an der Berlin-Branden­burgischen Akademie der Wissen­schaften in zwölf Jahren das komplette Werk des Öster­reichischen Bibel­über­setzers in einer Hybrid-Edition zugänglich zu machen. Das heißt, neben wissen­schaftlichen Ausgaben zu den einzelnen Texten in Buch­form wird das Werk auch in einer digitalen Edition präsentiert. So lässt sich das gesamte Material auf­bereiten, inklusive verschiedener Text­fassungen und der Digitalisate der Hand­schriften mit ihren teil­weise reichen Illustrierungen, die eine zweite Ebene der Wahr­nehmung neben dem Text eröffnen. Die Erfahrungen und Entwicklungen sind auch für andere Forschungen relevant. Digital ist es besser möglich, zwei Versionen eines Textes mit­einander zu vergleichen. Zudem können mehrere Forscherinnen und Forscher gleich­zeitig an einer Hand­schrift arbeiten.

Alte Handschriften digital auf­bereiten

Die Umsetzung der Hybrid-Edition erfordert eine spezielle Daten­auf­bereitung. Neben dem klassischen Vorgehen, bei dem alle Varianten, Änderungen und Umstellungen des Textes in sämtlichen Über­liefer­ungen, den Hand­schriften und Fragmenten vermerkt werden, erfolgt zusätzlich eine Auszeichnung der spezifischen Materialität und Medialität. So können in der digitalen Edition neben dem editierten Text auch die Trans­kriptionen des hand­schriftlichen Textes und die Abbildungen der Hand­schrift gezeigt werden. Besonders lohnens­wert ist dies bspw. bei der ältesten Hand­schrift des Evangelien­werks von 1340, bei der der Text von zahl­reichen Feder­zeichnungen in den Seiten­rändern begleitet wird.

Die Forscherinnen und Forscher des Projekts arbeiten Strategien für die technische Umsetzung aus, die die vor mehr als 600 Jahren entstandenen Werke des Öster­reichischen Bibel­über­setzers einem breiten (Fach-)Publikum im Internet zugänglich macht.

Dieser Artikel ist in „Wie wird geforscht in Bayern“, eine Sonderveröffentlichung, am 8.3.18 in DIE ZEIT erschienen.

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