Das Medical Valley – ein Netz­werk für Inno­vationen aus der medizinischen Forschung

Schuhe, die den Gang von Parkinson-Patienten analysieren. Ein Pflaster, das Alarm schlägt, wenn ein Pflegebedürftiger seine sichere Umgebung verlässt. Ein Computer-Tomograf, der bei geringer Strahlenbelastung hochauflösende Bilder zur Brustkrebs-Früherkennung liefert. Das sind nur drei Beispiele für Innovationen aus dem Medical Valley.

Prototyp eines Seniorenschuhs – In jedem Schuh sitzt je ein sensorgesteuerter Sender zur klinischen Messung des menschlichen Gangs.
Prototyp eines Seniorenschuhs – In jedem Schuh sitzt je ein sensorgesteuerter Sender zur klinischen Messung des menschlichen Gangs. © Portabiles HealthCare Technologies GmbH

Das Medical Valley gibt es tatsächlich, nur ist es auf keiner Land­karte verzeichnet. Das Tal der Medizin liegt im Frei­staat Bayern – und zwar in der „Europäischen Metro­pol­region Nürn­berg“, wie der Zusatz EMN verrät. Die mehr als 200 Mitglieder und Partner des 2007 gegründeten Vereins „Medical Valley EMN e. V.“ haben sich zum Ziel gesetzt, die Gesund­heits­versorgung der Menschen zu verbessern. Sie entwickeln Produkte und Dienst­leistungen im Bereich der Medizin und Medizin­technik.

„Wir haben bestimmt mehr als 100 Millionen Euro Förder­gelder für die Forschung in die Region geholt“, sagt Professor Erich Reinhardt, der Vorstands­vorsitzende des Vereins, und ergänzt: „Medical Valley setzt auf Innovation und treibt die Kommerzialisierung neuer Ideen voran.“

In der Region: 500 Medizin-Unter­nehmen und 100 Forschungs­institute

In der Region um Erlangen sind insgesamt mehr als 500 Unternehmen in der Medizin-Techno­logie tätig. Mehr als 80 Institute forschen an Hoch­schulen in diesem Bereich, etwa 20 weitere kommen aus dem nicht-universitären Umfeld. Eine europa­weit ein­malige Konzentration – und mitten­drin ein Global Player: „Siemens Healthineers“ (ehemals Siemens Healthcare).

Medical Valley setzt auf Innovation und treibt die Kommerzialisierung neuer Ideen voran.
Prof. Erich Reinhardt, Medical Valley EMN e. V.

„In der Region gibt es eine besondere Konstellation durch die räumliche Nähe. Die Vernetzung verschiedener Disziplinen im Bereich Forschung schafft dabei Möglich­keiten für neue Projekte und Produkte “, sagt zum Beispiel Professor Björn Eskofier, Leiter des Lehr­stuhls für Maschinelles Lernen und Daten­analytik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Nach sechs Jahren Forschung hat er gemeinsam mit Partnern das Unternehmen Portabiles HealthCare Technologies gegründet, das sich auf die Gang­analyse von Patienten spezialisiert hat.

Sensoren in den Schuhen analysieren die Art des Ganges bei chronischen Bewegungs­erkrankungen. Diese Daten werden dann bei der Arznei­mittel-Forschung, aber unter­stützend auch bei der Diagnose und der Medikamenten-Therapie eingesetzt, etwa bei Parkinson-Patienten oder anderen geriatrischen Erkrankungen. Bis Ende des Jahres soll das Produkt markt­reif sein.

Die Digitalisierung hält Einzug in der Pflege­branche

Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Digitalisierung aus der Forschung Einzug in die Pflege­branche hält, ist das intelligente Pflaster der Firma MOIO aus Fürth. Nicht selten sind Pflege­bedürftige demenz­krank und des­orientiert, können aber nicht ständig persönlich beauf­sichtigt werden. Wenn ein Patient aber das Pflaster trägt und sich aus einem definierten Bereich wie zum Beispiel Haus oder Garten ent­fernt, schlägt es aus der Distanz Alarm auf einer Smart­phone-App. Das Verfahren nennt sich Geo­fencing (engl. Fence = Zaun). Die Sensoren melden auch Stürze an die App. Geplant ist eine Version des Systems für Menschen, die Verwandte zu Hause pflegen, aber auch eine Profi-Version für Pflege­stationen.

Demenz­kranke akzeptieren keine Arm­bänder oder Hals­ketten. Die nehmen sie ab. Das Pflaster aber wird im Lenden­bereich am Rücken getragen, ist weich und kaum spürbar.
Jürgen Besser, MOIO

Warum ein Pflaster? Geschäfts­führer Jürgen Besser erklärt: „Demenz­kranke akzeptieren keine Arm­bänder oder Hals­ketten. Die nehmen sie ab. Das Pflaster aber wird im Lenden­bereich am Rücken getragen, ist weich und kaum spürbar.“ Die gesamte Intelligenz des Systems stecke im Pflaster, das nur in einer Notfall­situation eine Daten­verbindung herstelle. Jürgen Besser: „Das Medical Valley war sehr hilf­reich in der Vor­gründung­sphase, vor allem durch das Herstellen von Kontakten zu Zulieferern, strategischen Partnern und bei der Suche nach Finanzierungs­möglich­keiten.“ MOIO geht auch hier neue Wege und sucht per Crowd­funding Investoren, die den Schritt bis zur Markt­reife Anfang 2019 begleiten.

Hochauflösende 3-D-Aufnahmen zur Brust­krebs-Früh­erkennung

Aus einem weiteren lang­jährig geförderten Projekt im Medical Valley ist ein neuer Computer-Tomo­graf entwickelt worden, der das Potenzial hat, die Brust­krebs-Früh­erkennung bei Frauen zu revolutionieren und die Mammo­grafie zu ersetzen. „nu:view“ ist ein Brust-CT-Scanner für diagnostische Röntgen­aufnahmen. Was ihn aus­zeichnet, erklärt Benjamin Kalender, CEO der Firma Advanced Breast-CT in Erlangen: „Wir erreichen mit sehr kurzen Scan­zeiten eine hoch­auf­lösende drei­dimensionale Auf­nahme – und das ohne die für Frauen häufig schmerz­hafte Kompression der Brust.“ Röntgen­röhre und Detektor wurden speziell für die Brust-CT-Ab­tastung entwickelt, andere Einzel­teile stammen aus der ganzen Welt. Das Gerät befindet sich bereits in der Zulassungs­phase und soll später in Erlangen produziert werden.

Untersuchung in 10 Sekunden – Der neue Scanner, der zukünftig in Erlangen gebaut werden soll, ermöglicht dreidimensionale Bilder der weiblichen Brust in bisher nicht erreichter Qualität.
Untersuchung in 10 Sekunden – Der neue Scanner, der zukünftig in Erlangen gebaut werden soll, ermöglicht dreidimensionale Bilder der weiblichen Brust in bisher nicht erreichter Qualität. © Prof. Willi Kalender

Inzwischen hat Medical Valley mehr als 70 Start-ups aus der Forschungs­phase auf die Beine geholfen. Gründer profitieren vom Austausch im Netz­werk, von der Vermittlung von Forschungs­partnern oder Pilot­kunden. „Wir haben auf diese Weise sicher mehr als 500 Arbeits­plätze in der Region geschaffen“, sagt Professor Reinhardt und klingt dabei ein ganz klein wenig stolz.

Dieser Artikel ist in „Wie wird geforscht in Bayern“, eine Sonderveröffentlichung, am 8.3.18 in DIE ZEIT erschienen.

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