Fett und faul!? Neue Strategien für ein gewichtiges Problem

2050 könnten rund die Hälfte aller Männer und Frauen welt­weit an Adipositas leiden. In Leipzig als Zentrum der Adipositas-Forschung suchen Wissen­schaftler unter­schiedlicher Disziplinen nach Ursachen, Präventions- und Therapie­ansätzen der Volks­krank­heit.

Eine Studie der Universität Leipzig zeigt, dass bereits im frühen Kindesalter die Weichen für Übergewicht und Adipositas gestellt werden – mit schwerwiegenden Folgen.
Eine Studie der Universität Leipzig zeigt, dass bereits im frühen Kindesalter die Weichen für Übergewicht und Adipositas gestellt werden – mit schwerwiegenden Folgen. © Gaëlle Lalonde

Der letzte Ausweg – diese Metapher mag Prof. Dr. Arne Dietrich nicht. „Wir sind integraler Bestand­teil des Therapie­konzepts bei Adipositas und nicht immer die letzte Option. Etwa bei Patienten mit einem Body-Mass-Index über 50 oder mit schweren Begleit­erkrankungen kann die Adipositas-Chirurgie auch an erster Stelle stehen“, erläutert der 52-Jährige. Prof. Dietrich verkleinert Patienten mit schwerer Adipositas operativ den Magen und schenkt ihnen damit neue Lebens­qualität – in diesem Jahr wird er 150 dieser OPs durch­führen. Zugleich forscht der Chirurg an neuen Operations­methoden und Strategien für einen nach­haltigen Gewichts­verlust.

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Mit IFB, SFB, LIFE und HI MAG zum Zentrum der Adipositas-Forschung

Arne Dietrich hat seit 2014 die Professur für Adipositas-Chirurgie des Integrierten Forschungs- und Behandlungs­zentrums (IFB) AdipositasErkrankungen inne, eines der bundes­weit größten Adipositas-Zentren. Mittlerweile kommen Patienten aus ganz Deutschland ins IFB nach Leipzig. Forschung und Therapie unter einem Dach – das ist das Motto der Leipziger Universitäts­medizin. Der Sonder­forschungs­bereich 1052 analysiert bereits in der zweiten Förder­phase die Mechanismen der Adipositas. Zudem verfügt Leipzig über die bundes­weit größte humane Fett­gewebe­bank mit über 2.700 Gewebe­proben für die Wissen­schaft. Neben Kooperationen mit dem Leipziger Forschungs­zentrum für Zivilisations­krankheiten (LIFE) und seiner über 10.000 Erwachsene umfassenden Kohorte wird auch zusammen mit den hier ansässigen Max-Planck- und Helmholtz-Instituten geforscht. Mit Gründung des Helmholtz-Instituts für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäß­forschung, kurz HI MAG, wurde der Leipziger Stand­ort noch weiter gestärkt.

150 Adipositas-Operationen in diesem Jahr

„Adipositas nimmt in Deutschland weiter zu und wir operieren leider nur die Spitze des Eis­berges “, erzählt Prof. Dietrich. Das heißt nicht, dass er mehr Patienten operieren möchte, denn die beste Operation sei immer noch die, die man nicht machen müsse. Doch für einige Patienten sei ein chirurgischer Eingriff bislang die wirksamste Therapie. Im Mittel verlieren sie in den ersten ein bis zwei Jahren nach der OP 60 bis 80 Prozent ihres Übergewichts, das meiste inner­halb der ersten sechs Monate. „Ich sage immer, wir operieren den Bauch, nicht den Kopf“, so Dietrich. „Jeder hat es mit seiner Lebens­weise dann in der Hand, sein Leben nach der OP zu gestalten.“ Doch der Professor steht nicht nur als Arzt im OP, er forscht auch im Bereich der Adipositas­chirurgie, etwa zu den Auswirkungen unter­schiedlicher Schlingen­längen beim Magen­bypass.

Adipositas in der Gesellschaft wenig reflektiert

Die Erkrankung ist aber längst nicht auf rein medizinische und biologische Ursachen beschränkt. Auch soziale und kulturelle Faktoren bedingen Adipositas, können sie sogar verstärken. Für die Kommunikations­wissen­schaftlerin Prof. Dr. Anne Bartsch von der Universität Leipzig ist die Adipositas eines der letzten großen Themen, die in der Gesellschaft noch sehr unreflektiert behandelt werden. „In Komödien beispielsweise werden dicke Menschen zwar als lustig, aber oft auch als faul, dumm und eklig dar­gestellt. Diese Stigmata reproduzieren auch Fernseh­serien. Ernst­zunehmende Charaktere mit Über­gewicht gibt es kaum“, sagt Bartsch. Bei der Diskriminierung von Menschen aufgrund von Haut­farbe, Geschlecht oder Behinderung wisse man zwar, dass das normativ nicht in Ordnung sei. „Bei Adipositas ist das eben nicht so klar, weil es von vielen als selbst­verschuldet betrachtet wird. Menschen mit Über­gewicht wird dann schnell fehlende Willens­kraft vorgeworfen“, erklärt Prof. Bartsch. Rund 40 Prozent der Menschen mit schwerer Adipositas berichten einer Studie der Universität Leipzig zufolge von Diskriminierungs­erfahrungen. Die Folge: Sie ziehen sich zurück und essen aus Kummer manchmal noch mehr. Das zeige auch, welch große Verantwortung die Medien gegenüber stigmatisierten Gruppen tragen, findet die 47-Jährige.

Medienberichte können Stigmatisierung verringern

Den Einfluss von Medienbericht­erstattung auf Stigmata und Diskriminierung von Menschen mit Adipositas hat die Wissen­schaftlerin zusammen mit ihren Studierenden während eines Forschungs­seminars an der Universität Leipzig untersucht. In einem Experiment spielten sie Versuchs­teil­nehmern verschiedene Teile aus einer TV-Dokumentation vor und ermittelten ihre Einstellungen gegen­über Personen mit Über­gewicht. Die Versuchs­personen sahen jeweils unter­schiedliche Versionen des Films, entweder eine aus der Betroffenen­perspektive, eine speziell zu den Ursachen von Adipositas, eine kombinierte oder eine neutrale Fassung. Welche Version würde wohl die größten Effekte erzielen und die Einstellungen der Versuchs­teil­nehmer gegenüber Menschen mit Adipositas ändern? Sind Medien­berichte überhaupt dazu in der Lage? Positive Effekte haben die Nachwuchs­forscher für Empathie gefunden: Viele Versuchs­teil­nehmer waren gerade nach dem Film, in dem Betroffene aus ihrem Leben mit Adipositas erzählt haben, bewegt, ergriffen und fühlten sich diesen Menschen nahe. „Wenn wir diese Effekte sogar in unserer relativ hoch­gebildeten Stich­probe nachweisen konnten, ist das eine gute Botschaft. Selbst hier können Schuld­zuweisungen und diskriminierende Einstellungen durch Medien­berichte verändert werden“, bringt Anne Bartsch die Ergebnisse auf den Punkt. Zugleich hat das Video, das über die Ursachen von Adipositas aufklärt, dazu geführt, dass weniger den Übergewichtigen selbst die Schuld zugeschrieben wurde.

Adipositas inter­disziplinär erforschen

Gemeinsam arbeiten Anne Bartsch und Arne Dietrich zusammen mit ihren Kollegen daran, die Erkrankung umfassend und fächer­über­greifend zu verstehen. „Genau das macht den Standort Leipzig aus: Hier erforschen Mediziner zusammen mit Informatikern, Psychologen, Juristen, Historikern oder Kultur­wissen­schaftlern dieses komplexe Problem“, wirbt Anne Bartsch. „Es bedarf auch einer anderen gesell­schaftlichen Wahr­nehmung, dazu kann die Forschung in unserem Kompetenz­zentrum Adipositas an der Universität Leipzig sicher auch beitragen. Wir müssen Adipositas endlich als eine Erkrankung wahr­nehmen und nicht nur als Fehl­verhalten bestimmter Menschen, die einfach zu viel essen“, konstatiert Arne Dietrich. Jeder Wissen­schaftler habe den Ehr­geiz entwickelt, sich mit dem jeweils anderen Fach aus­einander­zusetzen und neue Strategien zur Prävention und Therapie von Adipositas zu entwickeln. Damit hat sich die Universität Leipzig in den vergangenen zehn Jahren zusammen mit der Leipziger Universitäts­medizin zum Zentrum der Adipositas-Forschung in Deutsch­land entwickelt. Wissen­schaftler profitieren hier von der engen Verzahnung der klinischen mit der Grund­lagen­forschung, Bio­chemiker, Ärzte und Genetiker arbeiten inter­disziplinär zusammen. „Da kann nur etwas Gutes heraus­kommen“, meint Dietrich.

Steckbrief

Institution

Die Universität Leipzig zählt mehr als 30.000 Studierende und vereint an 14 Fakultäten mit 120 Instituten ein breites Spektrum wissen­schaftlicher Disziplinen unter ihrem Dach. Zur Schärfung ihres Profils hat sie neun Forschungs­profil­bereiche gebildet, die in drei strategischen Forschungs­feldern gebündelt sind: „Nach­haltige Grund­lagen für Leben und Gesund­heit“, „Veränderte Ordnungen in einer globalisierten Welt“ sowie „Intelligente Methoden und Materialien“.

Kontakt
Universität Leipzig
Stabsstelle Universitäts­kommunikation
Tel. (034197) 350 20
presse@uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de

Kompetenzzentrum Adipositas
www.adipositas-verstehen.de

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