Adipositas ist mehr als eine Erkrankung

Fast jeder dritte Mensch ist über­gewichtig oder fett­leibig. Auf der Suche nach Ursachen, Therapien und Präventions­möglich­keiten forschen Wissen­schaftler der Universität Leipzig inter­disziplinär – von Medizinern, Bio­chemikern bis hin zu Kultur­wissen­schaftlern.

Ursachen von Adipositas sind komplex. Die Universität Leipzig forscht an neuen Präventions- und Therapiemöglichkeiten, um Folgeerkrankungen vorzubeugen.
Ursachen von Adipositas sind komplex. Die Universität Leipzig forscht an neuen Präventions- und Therapiemöglichkeiten, um Folgeerkrankungen vorzubeugen. © TEMPUS CORPORATE/Alina Sawallisch

Das Hormon Leptin steckt in jedem von uns. Dieser Boten­stoff wird vom Fett­gewebe produziert und reguliert Appetit, Sättigung, aber auch das Bewegungs­verhalten und den Energie­verbrauch des Körpers. Doch darin steckt noch viel mehr – vielleicht sogar das Potential für ein neues Medikament im Kampf gegen Über­gewicht und Adi­positas? „Ein weiteres Molekül aus dem Fett­gewebe ist Vaspin. Es senkt den Blut­zucker­spiegel und kann vielleicht auch zur Gewichts­reduktion beitragen. Fett­gewebs­hormone, die als Adi­pokine bezeichnet werden, könnten sich zur zukünftigen Therapie der Adipositas eignen“, erklärt Prof. Dr. Matthias Blüher, Professor für Molekular­patho­genese von Stoff­wechsel­krank­heiten an der Universität Leipzig. Im DFG-finanzierten Sonder­forschungs­bereich (SFB) 1052 „Mechanismen der Adipositas“, der in diesem Jahr in seine zweite Förder­periode startete, konnten Blüher und sein Team die Wirkung von Vaspin im Tier­modell bereits bestätigen. „Aus diesen Studien können wir die Effekte und Effekt­stärken der Therapie gut beurteilen. Jetzt wollen wir genauer verstehen, wie Adipokine wirken und welche Strukturen sich für die Entwicklung von medi­kamentösen Adipositas­therapien eignen“, so Blüher, der zugleich Sprecher des SFB 1052 ist.

Damit hat sich Leipzig zu einem inter­national bedeutenden Zentrum auf dem Gebiet der Adi­positas-Forschung entwickelt. „Wir haben hier hervor­ragende Bedingungen. Neben dem SFB haben wir mit dem IFB, dem Integrierten Forschungs- und Behandlungs­zentrum Adipositas-Erkrankungen, eines der größten Adipositas-Zentren in Deutsch­land. Zudem verfügen wir über die bundes­weit größte humane Fett­gewebe­bank mit über 2.700 Gewebe­proben“, nennt Prof. Dr. Matthias Blüher die wichtigsten Eck­daten. Neben Kooperationen mit dem Leipziger Forschungs­zentrum für Zivili­sations­krankheiten (LIFE) und seiner über 10.000 Erwachsenen umfassenden Kohorte wird auch zusammen mit den hier ansässigen Max-Planck-Instituten sowie dem Helmholtz-Zentrum für Umwelt­forschung geforscht. Erst in diesem Jahr wurde der Leipziger Stand­ort mit der Gründung eines neuen Helmholtz-Instituts aus­gezeichnet, dem Helmholtz-Institut für Meta­bolismus, Adipositas und Gefäß­forschung – kurz HI MAG. Es wird die exzellente Forschung vor Ort um den Bereich der Gefäß­veränderungen auch in Abhängig­keit von Stoff­wechsel­erkrankungen wie Adipositas erweitern.

Logo Uni Leipzig

Forschung und Therapie unter einem Dach – das ist die Losung der Leipziger Universitäts­medizin auf dem Gebiet der Adipositas. Blüher und seine Kollegen vernetzen Forschung und Behandlung inter­disziplinär so, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung von Patienten mit Adipositas integriert werden können. Und das scheint dringend not­wendig, verdeutlicht der Blick auf die Zahlen: Welt­weit gelten zwei Milliarden Menschen als über­gewichtig. In Deutsch­land ist über die Hälfte der Erwachsenen über­gewichtig mit einem BMI zwischen 25 und 30. Ein Fünftel der deutschen Männer und fast ein Viertel der Frauen sind sogar stark über­gewichtig, also adipös – bei ihnen liegt der BMI über 30. Bei Kindern und Jugendlichen sind rund 15 Prozent über­gewichtig, etwa sechs von 100 Kindern gelten als adipös.

Die Folgen von Adipositas sind gravierend. „Einen besonders engen und gut unter­suchten Zusammen­hang gibt es zwischen Adipositas und dem Risiko für Typ-2-Diabetes, aber interessanter­weise eben nicht bei jedem Menschen“, erklärt Prof. Dr. Michael Stumvoll, wissen­schaftlicher Leiter des IFB. Auch Schlag­anfall, Herz­infarkt und sogar Krebs sind Krank­heiten, die heute mit Adipositas in Verbindung gebracht werden. Neben den Risiken für die eigene Gesund­heit birgt der Trend auch eine große finanzielle Belastung für die Gesellschaft: Über elf Milliarden Euro direkte und indirekte Krank­heits­kosten verursacht Über­gewicht und Adipositas in Deutschland jährlich, auch wenn die genaue Höhe der Kosten sich nach wie vor nur ungefähr bestimmen lassen.

Institution

Die Universität Leipzig zählt mehr als 29.000 Studierende und vereint an 14 Fakultäten mit 120 Instituten ein breites Spektrum wissen­schaftlicher Disziplinen unter ihrem Dach. Zur Schärfung ihres Profils hat die sie neun Forschungs­profil­bereiche gebildet, die in drei strategischen Forschungs­feldern gebündelt sind: „Veränderte Ordnungen in einer globalisierten Welt“, „Intelligente Methoden und Materialien“ sowie „Nachhaltige Grundlagen für Leben und Gesund­heit“.

Die Ursachen für die Zivilisations­erkrankung sind komplex und nicht allein auf ein biologisch-medizinisches Problem zurück­zu­führen. Neben Genen, Stoff­wechsel und individuellem Verhalten spielen zunehmend auch Umwelt­einflüsse und Lebens­stil eine wichtige Rolle: So ist Nahrung unlimitiert verfügbar, die Arbeits­welt körperlich weniger anspruchs­voll geworden und energie­dichte Lebens­mittel über­schwemmen den Markt. Auch unsere Ess­kultur hat sich in den vergangenen Jahr­zehnten verändert.

„Wir beobachten, dass Menschen in Ländern, die gerade einen sozialen Auf­stieg durch­machen, über­gewichtig werden. Industriell hergestellte Lebens­mittel, die viel Zucker und Fett enthalten, sind global verfügbar geworden“, sagt Prof. Dr. Maren Möhring, Kultur­wissen­schaftlerin an der Universität Leipzig. Sie erforscht, wie sich unsere Ernährungs­formen wandeln, wie Konsum­trends entstehen und wie Essen im Laufe der Zeit konsumiert wurde – ob gemeinsam am Tisch oder allein, Fast­food oder aufwändig zubereitete Mahl­zeiten. „Uns geht es auch um die soziale Dimension des Essens. Nicht nur um die Nähr­stoffe“, so Möhring. Vor diesem Hinter­grund betrachten Kultur- und Sozial­wissen­schaftler der Universität Leipzig Ernährung und Gesund­heit auch im Hin­blick auf die soziale Ungleich­heit inner­halb der Gesellschaft. „Wer hat eigentlich Zugang zu den Nahrungs­mitteln, die wir als gesund definieren? Studien zeigen, dass Adipositas vor allem bei einkommens­schwachen Schichten oder bei Menschen mit Migrations­hinter­grund zu finden ist“, erklärt Möhring. Zusammen mit den Medizinern um Matthias Blüher wollen sie Adipositas als ganz­heit­liches Phänomen verstehen – und dabei geht es neben der Unter­suchung von genetischen Dispositionen und bio­chemischen Prozessen auch um die Frage, wie Über­gewicht in der Gesellschaft auf­gefasst wird bis hin zur Anerkennung von Adipositas als Krank­heit – und damit der Über­nahme von Therapie-Leistungen durch die Kranken­kassen.

Bis dahin hofft Prof. Dr. Matthias Blüher schon einen Schritt weiter zu sein im Kampf gegen krank­haftes Über­gewicht. Für ihn liegt eines der Haupt­probleme der Adipositas darin, dass es für über­gewichtige Menschen enorm schwer ist, dauer­haft Gewicht zu verlieren. Das traditionelle Rezept „Weniger essen, mehr Bewegung“ hat in Blühers Augen versagt. „Die lang­fristig erfolg­reichsten Therapien sind chirurgische Eingriffe, aber wir können nicht jeden Patienten operieren. Meine Zukunfts­vision ist, dass wir neue Medikamente entwickeln, die auf der einen Seite sicher sind und auf der anderen Seite zur dauer­haften Reduktion des Körper­gewichts und besonders zum Halten eines gesunden Körper­gewichts führen.“ Ob Vaspin den ganzen großen Sprung auf den Medikations­plan schafft und Blühers Vision Wirklich­keit werden lässt, können die kommenden Jahre zeigen. Leipzig wäre schon einmal der richtige Ort, um Durch­brüche in der Adipositas-Forschung zu feiern.

Kontakt

Universität Leipzig
Stabsstelle Universitätskommunikation
Tel. +49 341 97-35020
presse@uni-leipzig.de

www.uni-leipzig.de

X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier