„Ziel ist eine dezentrale, direkte und lokale Kommunikation via Smart­phone“

Für Ihre Forschung rund um sichere Kommunikation in dezentralen sozialen Netzwerken sind Sie unter anderem 2015 mit dem renommierten academics-Preis des ZEIT-Verlags ausgezeichnet worden. Was ist Ihr aktuelles Projekt?
Damals arbeiteten wir an einem sozialen Netzwerk, das frei von monetären Interessen und ohne einen zentralen Daten­zugriff konzipiert ist. Mit diesem Grund­impuls denken wir heute darüber nach, wie sich Smartphones automatisiert verknüpfen lassen, um auf diesem Wege große Datenmengen miteinander auszutauschen, ohne dass kommerzielle Vermittler wie Dropbox dazwischen­geschaltet sind. Möglich wird das durch clevere Algorithmen, die Informationen zwischen den Geräten austauschen, ohne dass eine dritte Instanz profitiert, und persönliche Daten verwalten, was immer mit großen Sicherheits­risiken verbunden ist. Ziel ist eine dezentrale, direkte und lokale Kommunikation.

Eine Frau sieht auf einem zebrastreifen auf ihr Smartphone
© iStock

Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Wichtig ist, dass jeder selbst entscheidet, welchen Informations­­austausch er zulässt. Möchte ich einer Person beispiels­­weise ein Verzeichnis von Unter­lagen zur Verfügung stellen, muss sie dieser Inter­aktion explizit zustimmen. Möglich sind auch andere Varianten des dezentralen Austauschs: zum Beispiel, dass ich mich durch eine Stadt bewege, während mein Smartphone unter­wegs von sich aus und ohne die Einschaltung von Zwischen­­anbietern Daten sammelt, die ich zuvor als relevant fest­gelegt habe, etwa Informationen von Museen oder Theatern.

Welche Vorteile bringt diese technische Neuerung noch mit sich?
Wenn man heute einem Kollegen im Büro eine WhatsApp schickt, wird diese zunächst in die USA geschickt und erreicht erst im Anschluss den eigentlichen Adressaten, selbst wenn sich dieser nur einen Raum entfernt von mir befindet. Da liegt es doch näher, vor Ort direkt über die Geräte miteinander zu kommunizieren. Das betrifft nicht zuletzt Regionen, in denen der Internet-Empfang schlecht oder nicht gegeben ist. Die von uns entwickelte neue lokale Kommunikation kommt ohne neue Technik aus und wird allein über die WLAN-Fähigkeit unserer Handys möglich.

Wichtig ist, dass jeder selbst entscheidet, welchen Informations­austausch er zulässt.
Dr.-Ing. Kálmán Graffi

Wie kommt es, dass eine derart nahe liegende Erfindung nicht längst auf dem Markt ist?
Eine solche Entwicklung kann nur der Forschung entspringen, weil keiner der großen Player in der Branche Interesse an neuen Formen der Kommunikation hat, die sie selbst über­flüssig machen würden. Zudem ist sie technisch so aufwendig, dass kleinere Unter­nehmen sie nicht finanzieren könnten. Deshalb stammen solche Lösungen in der Regel aus Universitäten, wo man unabhängig von kommerziellen Interessen und Zeit­druck forschen kann. In diesem Freiraum testen wir gerade verschiedene Algorithmen und entwickeln eine Basis-Software, auf der eine Fülle von Anwendungen rund um die Chat-Funktion, aber auch um Daten­­synchronisation und Spiele aufsetzen können. Entscheidend ist der Open-Source-Gedanke: Jedem stehen die von uns erarbeiteten Codes frei zur Verfügung, vorausgesetzt, dass alles, was darauf basiert, auch wieder offen zugänglich gemacht wird.

Und als Mediennutzer gewinnen wir mit dieser technischen Neuerung die Autonomie zurück, Informationen aktiv, bewusst und eigen­verantwortlich einholen zu können.
Ja, so ist es. Darüber hinaus arbeite ich neuer­dings auch in noch einem anderen Forschungs­­feld: Hier geht es um den Zusammen­­hang von Online-Partizipation und Demokratie. In einem inter­­disziplinären NRW-Fortschritts­­kolleg diskutieren wir mit Gemeinden und Städten die Vision einer großen Plattform im Internet, auf der alle Wahl­berechtigten sich direkt miteinander austauschen können, zum Beispiel über das Thema, wie das Kinder­geld gestaffelt werden sollte. Letztlich geht es auch um das Konzept der Dezentralität: Statt einer kleinen Gruppe gewählter Vertreter grund­­legende politische Entscheidungen zu über­tragen, stellen wir uns die Frage: Wie lässt sich auf der Basis von Wissen, das in großem Stil gesammelt und strukturiert wurde, ein gesamt­­gesellschaftlicher Dialog etablieren, der idealer­weise in politischen Entscheidungen mündet, hinter der alle stehen können? Die Heraus­­forderung ist, online eine Viel­zahl von Positionen zu visualisieren, damit jeder daran anknüpfen und in den Prozess einsteigen kann, ohne von der Fakten­menge abgeschreckt zu werden. Hinzu kommt, dass die öffentliche Diskussions­­kultur ohnehin ausbaufähig ist. Statt differenzierte Argumente auszutauschen, werden hier meist nur Meinungen verhandelt.

In Anbetracht dieser großen Vorhaben, die Sie als Forscher umtreiben: Welche Rolle spielt der regionale Stand­ort für Ihre wissen­schaftliche Tätigkeit?
Vor dem Hintergrund des hart umkämpften Arbeitsmarkts an Universitäten, unter dem alle Nach­wuchs­­wissen­­schaftler leiden, hat Nordrhein-Westfalen nicht zuletzt einen großen Vorteil: Als einziges Bundes­land bietet es mir als Junior­­professor die Chance, ein zusätzliches siebtes Jahr zu beantragen. In der Regel sind solche Stellen auf sechs Jahre begrenzt, was die Suche nach einer geeigneten Stelle sehr schwer macht. Zum einen, weil man in dieser Zeit­­spanne parallel lehren, publizieren und sich bewerben muss – und dabei als Familien­­vater mit der deutlich flexibleren Konkurrenz zu kämpfen hat; und zum anderen, weil in Deutschland eine Bewerbungs­­runde mindestens neun Monate lang dauert, während sie im Ausland nur ein oder zwei Monat beansprucht. Diese permanente Ungewiss­heit wird durch die Aussicht auf einen zeitlichen Puffer viel erträglicher!

Steckbrief

Juniorprofessor Dr.-Ing. Kálmán Graffi (Jahrgang 1982) lehrt und forscht an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Im Juli 2010 promovierte er an der Technischen Universität Darmstadt an der Fakultät für Elektro­­technik und Informations­­technik und erlangte an derselben Universität im Jahr 2006 Diplome in Informatik und Mathematik. Sein Interesse gilt nicht nur der Funktionalität und Sicher­heit dezentraler sozialer Netzwerke, sondern auch der Entwicklung neuer Kommunikations­­wege und -platt­­formen, die dem Nutzer eine maximale Autonomie vom Zugriff durch externe (ökonomisch oder politisch motivierte) Mittler eröffnen. Als Mitglied der Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) engagiert er sich für diese Vision im inter­­disziplinären Austausch.

Portrait von Dr.-Ing. Kálmán Graffi © Kálmán Graffi

Dieser Artikel ist in „Wie wird geforscht in Nordrhein-Westfalen“, eine Sonderveröffentlichung, am 24.5.18 in DIE ZEIT erschienen.

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