Von Zahnrädern und Förderlücken

Prof. Dr. Marcus Baumann über die Fragen, wie das Neue in die Welt kommt und warum eine Deutsche Transfer­gemeinschaft (DTG) ein echter Standort­faktor für Deutschland wäre.

Von der Entdeckung im Labor bis zur Entwicklung eines neuartigen Produkts klafft im deutschen Innovationssystem eine Förderlücke, die es zu schließen gilt, fordern die NRW-Fachhochschulen.
Von der Entdeckung im Labor bis zur Entwicklung eines neuartigen Produkts klafft im deutschen Innovationssystem eine Förderlücke, die es zu schließen gilt, fordern die NRW-Fachhochschulen. © iStock

Herr Professor Baumann, wie kommt das Neue in die Welt?
Sie müssen sich das Innovationssystem als ein Gefüge aus mehreren Zahnrädern vorstellen. Greifen alle perfekt ineinander, entsteht etwas Neues. Jedes Zahnrad hat eine eigene Aufgabe: Ganz vorne steht die Grund­lagen­forschung. Hier werden Inventionen, also Erfindungen, ermöglicht und befördert. Das Zahnrad, das mit der Grundlagen­forschung ineinander­greift, ist die Entwicklung von Applikations­ideen. Am Ende muss dieses Zahnrad perfekt in das letzte greifen – die Innovations­forschung und -entwicklung. Nur so entstehen neue Produkte und Verfahren oder eine innovative Dienst­leistung.

Was hat das mit den Hochschulen zu tun?
Wir haben in Deutschland ein ausdifferenziertes Hochschul- und Wissen­schafts­system. Damit geht auch eine Aufgaben- und Kompetenz­aufteilung einher. Grund­lagen­forschung ist die Stärke der Universitäten, wohingegen sich Hochschulen für angewandte Wissen­schaften und Technische Universitäten in erster Linie der anwendungs­orientierten Forschung widmen. Um im Bild zu bleiben: Universitäten setzen mit der Grund­lagen­forschung das erste Rad des Innovations­prozesses in Gang und bewegen so auch das zweite Rad mit. Hoch­schulen für angewandte Wissen­schaften und technische Universitäten bewegen vor allem das zweite und dritte Rad – nicht selten in enger Kooperation mit der Wirtschaft in der Region.

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Dann reicht es, wenn der Staat die Grundlagen­forschung fördert, weil sich um alles andere die Unter­nehmen kümmern?
Nein. Wir haben es im deutschen Innovations­system auf dem Weg von der Erfindung über die Anwendungs­idee bis zum innovativen Produkt oder zur innovativen Dienst­leistung mit einer Förder­lücke zu tun. Die Grundlagen­forschung ist über die Grund­finanzierung der Universitäten, Programme wie die Exzellenz­strategie und die Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG) strukturell stark aufgestellt und das ist gut so. Den Auftrag zur anwendungs­orientierten Forschung formulieren inzwischen alle Hochschulgesetze der Länder für die Hochschulen für angewandte Wissen­schaften. Eine Grund­finanzierung für Forschung fehlt ihnen jedoch. Programme wie die „Innovative Hochschule“ haben die Förderung des Transfers zwar in den Mittel­punkt gestellt. Was aber fehlt, ist eine systematische Förder­struktur für die wissen­schafts­geleitete anwendungs­orientierte Forschung und Innovations­entwicklung.

Ist die Produktentwicklung nicht die Aufgabe der Unternehmen und entbehrt daher der staatlichen Finanzierung?
Es geht nicht darum, dass der Staat die Forschungs- und Entwicklungs­abteilungen von Welt­konzernen finanzieren soll. Aber wir müssen zweierlei im Blick haben: Der Auftrag an die Wissen­schaft ist die freie und unabhängige Forschung. Die Stärke der deutschen Wirtschaft liegt in kleinen und mittleren Unter­nehmen (KMU). Sie stehen in Deutschland für mehr als 96 Prozent aller umsatz­steuer­pflichtigen Unter­nehmen und fast 60 Prozent aller sozial­versicherungs­pflichtigen Beschäftigungs­verhältnisse. Das Forschungs­engagement der KMUs ist aber rück­läufig. Nur noch ein Drittel der mittelständischen Unternehmen forscht.

Warum interessiert Sie das als Hochschulen für angewandte Wissenschaften?
Ich frage mich, wie wir beides unter einen Hut bringen können: die Freiheit der Forschung garantieren und die Innovations­entwicklung auch im Interesse der wirtschaftlichen Stärke des Landes fördern. Zugespitzt könnte man sagen: Als Hoch­schulen für angewandte Wissen­schaften sind wir wissen­schaftlicher Motor der Wirtschaft, weil unsere Forscherinnen und Forscher eng mit dem Herzstück der Wirtschaft zusammen­arbeiten: den KMUs. Wir dürfen aber die Unabhängigkeit der Wissenschaft nicht infrage stellen, indem nur dort geforscht werden kann, wo sich förder­willige Praxispartner finden, die auch die Konditionen der Forschung bestimmen. Wo Praxispartner kaum Interesse an der Übertrag­barkeit von Forschungs­ergebnissen auf andere Praxis­fälle haben oder womöglich ihre Veröffentlichung einschränken wollen, droht Wissenschaft als reine Wirtschafts­förderung instrumentalisiert zu werden. Der Ausweg daraus kann nur über die öffentliche Förderung der anwendungsorientierten Forschung führen.

Also doch die Finanzierung der Produktentwicklung durch Steuermittel?
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato hat ein spannendes Buch geschrieben: „Das Kapital des Staates“. Darin wirbt sie für den Unternehmer­staat, da nur er es sich leisten könne, kapitalintensiv in unsichere und risiko­behaftete Forschung zu investieren. Ihr bestes Beispiel sind Produkte wie Smartphone und Co. Ob Touchscreen oder GPS – was die Technik für uns unverzichtbar macht, wurde maßgeblich durch staatliche Förderung erst ermöglicht.

Portrait Prof. Dr. Marcus Baumann Der Biotechnologe Prof. Dr. Marcus Baumann ist Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen NRW. © FH Aachen / Arnd Gottschalk

Was ist Ihre Forderung an die Politik?
Ich habe versucht zu zeigen, dass auf dem Weg von der Idee zum alltäglichen Nutzen in der Praxis bisher kein ausreichend leistungs­fähiges Förder­system besteht. Bestehende Strukturen und Förder­volumina zielen stark auf die Grund­lagen­forschung und zu wenig auf die anwendungs­orientierte Forschung. Diese Lücke lässt sich nur strukturell füllen. Wir brauchen eine eigene Grund­finanzierung für Forschung an Hochschulen für angewandte Wissen­schaften und wir sollten über eine Deutsche Transfer­gemeinschaft (DTG) nachdenken. Sie könnte das spiegel­bildliche Pendant zur auf die Grundlagen­forschung fokussierten DFG sein. Eine solche eigenständige und wissen­schaftsgeleitete Förderstruktur würde die anwendungsorientierte Forschung nachhaltig stärken, gleichzeitig die Innovationsfähigkeit in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft fördern und dabei die Unabhängigkeit der Forschung von rein betriebs­wirtschaft­lichen Erwägungen der Unter­nehmen sichern. Diese Idee ist nicht neu: Österreich und die Schweiz haben solche Strukturen.

Also zusätzliches Geld für die Hochschulen für angewandte Wissenschaften?
Es geht darum, die anwendungsorientierte Forschung so zu fördern, dass sie ein verlässlicher Pfeiler der Innovations­entwicklung in unserem Land ist. Ich habe eingangs darauf hingewiesen, dass auch Technische Universitäten den Fokus stark auf diese Art der Forschung legen. Sie sollen selbstverständlich ebenso antragsberechtigt sein bei der DTG. Uns geht es nicht um einen Schutz­raum für unseren Hochschul­typ, sondern um die notwendige und sinnvolle Ergänzung der Förder­strukturen des deutschen Innovations­systems und damit nicht weniger als die Stärkung des Standortes Deutschland.

Steckbrief

Zielsetzung

„Hochschule NRW“ ist das hochschulpolitische Sprachrohr der 21 staatlichen und staatlich refinanzierten Fachhochschulen in NRW. Ein thematischer Schwerpunkt: die Stärkung anwendungsorientierter Forschung.

Kontakt

Hochschule NRW – Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen e.V.
c/o Fachhochschule Münster
Hüfferstraße 27, 48149 Münster
www.fh-nrw.de

Dieser Artikel ist in „Wie wird geforscht in Nordrhein-Westfalen“, eine Sonderveröffentlichung, am 24.5.18 in DIE ZEIT erschienen.

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