Kurze Wege zum Erfolg

Nordrhein-Westfalen zeichnet sich durch eine kulturelle und landschaftliche Vielfalt aus. Aber auch Wissenschaft und Forschung haben in diesem westlichen Bundes­land eine enorme Bandbreite. Es gibt 70 Hochschulen und 60 außer­universitäre Forschungs­einrichtungen, darunter zum Beispiel die Universität zu Köln, mit 50.000 Studierenden die größte Alma Mater Deutschlands. Genauso wie das renommierte Forschungs­zentrum Jülich mit seinen Schlüssel­kompetenzen Physik und Super­computing und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raum­fahrt (DLR). Aber auch kleinere „Exoten“ wie die Sport­hochschule in Köln oder die Privat­universität Witten/Herdecke machen immer wieder auf sich aufmerksam.

Mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und der Universität zu Köln gibt es zwei Elite-Universitäten, darüber hinaus etliche Exzellenz­cluster und Graduierten­schulen. Was macht Forschung in NRW so erfolgreich? „Kurze Wege!“, sagt Professorin Anja Steinbeck spontan. Die Juristin ist Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie ergänzt: „Es ist die Ballung von Kompetenzen, die wir in NRW vorfinden. Natürlich gehört dazu auch eine gute Wirtschaft, eine gute Infra­struktur. Aber wir haben mit Aachen, Köln und Bonn im Süden und Westen, mit Bochum und Duisburg-Essen nordöstlich sowie Düsseldorf dazwischen viele heraus­ragende Universitäten auf engstem Raum.“

Von der Uni auf die Straße

Exzellenz hin, kurze Wege her. Trotz Raumfahrt und Physik, trotz Stammzellen und Robotik, trotz Medizin und Geistes­wissen­schaften – einer der größten Stars, der jüngst aus der Forschung in NRW hervor­ging, hat seinen Platz publikums­wirksam auf der Straße. Die Rede ist vom StreetScooter – dem elektrisch betriebenen Zustell­fahrzeug der Post, das die deutsche Auto­industrie nicht bauen wollte oder konnte. Das Konzept und das Unter­nehmen „StreetScooter GmbH“ entstanden im Umfeld der RWTH Aachen. Inzwischen gehört die junge Company zur DHL Group und ist der führende Anbieter von rein elektrisch betriebenen Nutz­fahrzeugen in Europa. Und die Zusammen­arbeit mit den Ingenieuren der RWTH schreitet weiter voran. Nach dem reinen Post­zustell­fahr­zeug werden neuerdings neue StreetScooter-Modelle mit unterschiedlichen Aufbauten unter der Bezeichnung „Work“ auf dem Markt angeboten.

Neben dem elektrischen Antrieb steht das autonome – oder besser teilautomatisierte – Fahren im Fokus der Öffentlichkeit. Das Institut für Kraftf­ahr­zeuge der RWTH Aachen gehört hier zu den führenden deutschen Instituten. Der wissen­schaftliche Mitarbeiter Sebastian Klaudt entwickelt dazu Algorithmen. Er kann sein Versuchs­fahrzeug in der Test­umgebung eines Park­hauses bereits an derSchranke verlassen, den Rest regelt er per App. Klaudt betont: „Wir müssen klein anfangen. Die ersten praktischen Anwendungen voll­automatisierten Fahrens werden in abgesperrten Bereichen wie Park­räumen stattfinden.“

Klein anfangen! Zu den Aufgaben der Hoch­schulen gehört heute auch die Transformation der Forschung in die Praxis. „Wir haben in den vergangenen Jahren gemeinsam mit der mit den Industrie- und Handelskammern und anderen Playern in der Region etwa 100 Unter­nehmen beim Start geholfen“, sagt zum Beispiel Dr. Andreas Archut, Leiter der Hochschul kommunikation der Universität Bonn. Jüngstwurden in NRW sechs Digital Hubs gegründet, am Standort Bonn arbeiten die Forscher und Gründer inzwischen an neuen Projekten wie der Suche nach IT-Sicherheits­lücken,der Unkraut­bekämpfung mit Lasern und dem Aufspüren von Laden­dieben mithilfe von Algorithmen.

Aus dem Hörsaal in die Praxis: Wingbrush

Dr. Archut kann viele Erfolgsstorys erzählen. Wie jene vonWingbrush.com, die beweist, dass praxis­nahe Forschung auch ohne App und jenseits der Plattform-Ökonomie erfolgreich sein kann. „Wir haben mit Unter stützung der Uni ein EXIST-Gründer­stipendium bekommen“, berichtet Burak Dönmezer, einer der drei Gründer. Co-Gründer Dr. Louis Bahlmann hat während des Studiums eine smarte Inter­dental­bürste entwickelt, sie wurde gemeinsam mit dem Universitäts­klinikum für Zahnheil­kunde in Bonnzur Marktreife perfektioniert. Die Forscher sind auch beider Vermarktung erfolgreich. Per sogenannter Kickstarter-Kampagne im Internet wurden weitere Investoren und vorallem inter­nationale Vertriebs­partner gefunden. Gerade gingen Bestellungen für die Inter­dental­bürste mit dem neuartigen Griff und dem intelligenten Fühler aus mehrals 100 Ländern ein.

Hightech nicht nur am Kiefer haben die Versuchskühein der land­wirtschaftlichen Lehr- und Forschungss­tation Frankenforst, südöstlich von Bonn. „Unsere Kühe werden sensorisch total über­wacht“, sagt der wissen­schaftliche Leiter Professor Karl Schellander. Alle Merkmale zu Futter, Milch, Bewegung, Krank­heiten werden erfasst, die Daten aus­gewertet. 300 Bachelor- und 50 Master­studierende widmen sich auf dem historischen Gut in ländlicher Atmosphäre, aber digital hoch­gerüstetder Forschung für verantwortungs­vollen Umgang mit Nutztieren. „Kuhstall 4.0“ sozusagen, um Tier­wohl und Effizienz in Gleichklang zu bringen. Schellander: „Es geht hier nicht um Turbo-Milchkühe!“

Findet die Forschung Antworten auf die Frage „Wo bleibt der Mensch in der digitalen Welt?“?

Turbo! Eine gutes Stichwort, fühlen sich doch viele Menschen vom unglaublichen Tempo der Digitalisierung über­fordert, haben daher Angst vor der „Welt 4.0“. Die technische Entwicklung ist inzwischen mit Macht in alle Bereiche unseres Lebens vorgedrungen. Mit den entstehenden gesellschaftlichen Veränderungen, juristischen Fragen der Haftung zum Beispiel und ethischen Fragenvon Verantwortung beschäftigen sich aktuell Rektorat und Dekane an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf: „Wir stehen jedoch noch am Anfang dieses Prozesses“,sagt HHU-Rektorin Anja Steinbeck und formuliert eine der Kernfragen, um die es geht: „Wie ändert sich menschliches Entscheidungs­verhalten, wenn Algorithmen auf Massen von Daten treffen?“

Als Juristin war Professorin Steinbeck am Beispiel derersten autonomen Fahr­zeuge früh auf die bis heute unbeantwortete Frage gestoßen: Wer haftet eigentlich bei einem Unfall? Sie überträgt die Frage­stellung beispiel­haft auf eine andere Branche: Wie verhält sich ein Arzt, wenn Künstliche Intelligenz auf Basis von Daten und Algorithmen zur Therapie eine andere Empfehlung ausspricht als der Arzt selbst. Wer entscheidet? Wer über­nimmt Verantwortung? Steinbeck: „Wir sind, obwohl wiran der HHU keine Ingenieure haben, infra­strukturell fürdie weiteren Aspekte der Digitalisierung bestens aufgestellt.“

Tatsächlich sind mehr denn je Philosophen, Soziologen und Historiker gefragt, um zu erforschen: Was macht die Digitalisierung mit uns Menschen?

Dieser Artikel ist in „Wie wird geforscht in Nordrhein-Westfalen“, eine Sonderveröffentlichung, am 24.5.18 in DIE ZEIT erschienen.

X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier