Wohlstands­krank­heiten erreichen arme Länder

Es gibt viele gute Nachrichten zur Welt­gesund­heit: Medikamente und Therapien werden immer besser, immer häufiger können mehr Menschen selbst in den entlegensten Winkeln der Erde versorgt werden. Die durch­schnittliche Lebens­erwartung auch in Entwicklungs­ländern steigt kontinuierlich. Statistisch gesehen sterben immer weniger Kinder, und auch die Zahlen der Todes­fälle durch Infektions­krank­heiten wie AIDS oder Malaria sind rück­läufig. Trotzdem: Die Welt steht vor großen Heraus­forderungen – es bleibt noch viel zu tun.

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Die Bevölkerung wächst rasant, nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Erd­erwärmung, Luft- und Meeres­verschmutzung beeinträchtigen die globale Gesund­heit. In allen Ländern haben Tabak- und Alkohol­konsum, ungesunde Ernährung und Bewegungs­mangel eine massive Ausbreitung von sogenannten nicht über­trag­baren Krank­heiten (noncommunicable diseases, NCD) wie Diabetes, Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen und Krebs zur Folge – verstärkt auch in armen Ländern. „Über­gewicht zum Beispiel wird in vielen Kulturen gar nicht ernst genommen. Dass dadurch Folge­krank­heiten ent­stehen können, ist vielen nicht bekannt. Und die Therapien sind langwierig und teuer“, sagt Professor Detlev Ganten: „Die Aus­breitung der NCD stellt eine der größten gesund­heits­politischen Heraus­forderungen des 21. Jahr­hunderts dar.“

Zum zehnten Mal lädt der Präsident des World Health Summit führende Wissen­schaftler, Mediziner, Staats­chefs und Minister aus Industrie und Zivil­gesell­schaft zum bedeutendsten Forum für globale Gesundheits­fragen nach Berlin ein. Vom 14. bis 16. Oktober werden in der Haupt­stadt etwa 2000 Teil­nehmer aus 100 Ländern die drängendsten Probleme der Welt­gesund­heit diskutieren. Zum ersten Mal zu Gast ist Bill Gates. Der Microsoft-Gründer, der über seine Stiftung Millionen Dollar in die Gesund­heits­für­sorge steckt, warnt wie viele Wissen­schaftler seit Jahren vor dem erneuten Auftreten von globalen Seuchen mit Millionen von Opfern. Der zunehmende Handels- und Reise­verkehr ermögliche die rasante, globale Verbreitung von Viren und Bakterien. In eine Groß­stadt eingeschleppte Krank­heits­erreger könnten dort binnen weniger Stunden verheerende humanitäre Katastrophen aus­lösen.

Wir müssen Infra­­strukturen wissen­­schaft­licher, diagnostischer und thera­peutischer Art schaffen und Früh­­warn­­systeme in Ländern etablieren.
Prof. Detlev Ganten, Facharzt für Pharmakologie und Klinische Pharmakologie

„Wir müssen auf solche Ereignisse vorbereitet sein“, sagt auch Professor Ganten, „wir müssen Infra­strukturen wissen­schaft­licher, diagnostischer und thera­peutischer Art schaffen und Früh­warn­systeme in Ländern etablieren.“ Welt­weite Gesund­heit erfordert für den ehemaligen Chef der Charité-Uni­versitäts­medizin Berlin „einen wirklich ganz­heit­lichen globalen Blick und die inter­disziplinäre Zusammen­führung von Fach­leuten aus allen Bereichen!“

Auch an deutschen Tropen­instituten und medizinischen Forschungs­ein­richtungen arbeiten Wissen­schaftler unter Hoch­druck daran, Verfahren für diagnostische Methoden und Impf­stoffe gegen Erreger mit dem größten Pandemie­potenzial zu entwickeln. Was ihre Arbeit so schwierig macht: die genetischen Mutationen von Viren und Bakterien. So sei, laut Professor Ganten, etwa ein Ebola-Virus von vor zwei Jahren heute ein ganz anderer, weil er sich ständig verändere.

Ein weiteres Thema des World Health Summit sind die mittler­weile welt­weit verbreiteten Antibiotika-Resistenzen. Galten Penizillin und seine Ableger einst als Wunder­mittel, scheint sich das Blatt zu wenden. Manche Antibiotika wirken nicht mehr und drohen, Erfolge in der Bekämpfung von Infektions­krank­heiten zunichte­zumachen. Dies sei neben dem über­mäßigen Einsatz von herkömmlichen Antibiotika bei Menschen und bei Tieren auch auf das Fehlen neuer Wirk­stoff­entwicklungen zurück­zu­führen.

Ausdrücklich bekennt sich der World Health Summit zu den 17 Nach­haltig­keits­zielen (SDG) der Vereinten Nationen und fordert, „Gesund­heit mit allen Politik­bereichen“ zu verknüpfen: lokale mit nationalen Engagements und gemeinsamen, inter­national abgestimmten Programmen“. Professor Ganten freut sich, mit Bundes­kanzlerin Angela Merkel, Schirm­herrin des World Health Summit seit seiner Gründung, eine Unter­stützerin für die Verbesserung der globalen Gesund­heit gefunden zu haben.

Dieser Artikel ist in der Sonderveröffentlichung „Forschungswelten: Medizin & Gesundheit“ am 27.09.18 in DIE ZEIT erschienen.

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