Interdisziplinäre Forschung

Komplexe gesellschaftliche Probleme und technische Heraus­forderungen lassen sich nur noch durch inter­disziplinäre Zusammen­arbeit lösen. An den Forschungs­instituten und in den Exzellenz­clustern arbeiten Natur­wissenschaftler und Ingenieure disziplin­über­greifend mit Medizinern, Psychologen oder auch Sozial­wissenschaftlern zusammen.

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Der wissenschaftliche Fortschritt hat eine bisher nicht dagewesene Geschwindigkeit, Bandbreite und Tiefe erreicht. Das erfordert eine zunehmend vernetzt arbeitende Wissenschaft. © iStock

„Die Frage, ob Forschung und Lehre sich interdisziplinär aufzustellen haben, stellt sich schon lange nicht mehr. Das ist dringend notwendig und daher längst Teil der Strategie der Technischen Universität München“, sagt zum Beispiel Dr. Ulrich Marsch, Sprecher des dortigen Uni-Präsidenten. Die TUM betreibt das Munich Center for Technology in Society (MCTS), das als eines der bedeutendsten Zentren für Wissenschafts- und Technik­forschung in Deutschland gilt. Dort geht es darum, die vielfältigen Wechsel­wirkungen von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft zu verstehen und zu gestalten.

Lebende Labore auf dem Prüfstand

Die MCTS-Forschungs­gruppe Innovation, Society and Public Policy (ISPP) etwa untersucht ein vermeintliches Allheil­mittel unserer Gesellschaft: Innovationen!

Was ist das überhaupt? Wie unterscheiden sich Konzepte und Praktiken dazu in verschiedenen Regionen oder Kulturen? Wie bauen Regierungen Kapazitäten in Wissenschaft und Technik auf? Diesen und vielen weiteren Fragen gehen die Forschungs­gruppen nach. Mechanismen zur Stärkung von Co-Kreation ist das Thema eines weiteren Projekts. In zwei Technologie­bereichen, Robotik und Energie­systeme, werden in zehn Partner­ländern zum Beispiel „lebende Labore“ unter die Lupe genommen. Dr. Marsch: „Ob Biotechnologie, soziale Medien oder Nano­materialien – an der MCTS wird immer inter­disziplinär gearbeitet. Philosophie, Geschichte und Sozial­wissenschaften, Ingenieur- und Natur­wissenschaften müssen dazu intensiv gemeinsam forschen.“

Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis übertragen

Ein anderes Institut, auf das der TUM-Sprecher besonders stolz ist, ist das TranslaTUM. In einem avantgardistischen Bau auf dem Gelände des Universitäts­klinikums rechts der Isar arbeiten Forscher­koryphäen aus der Medizin sowie den Ingenieur- und Natur­wissenschaften unter einem Dach zusammen. Physiker und Elektro­techniker suchen nach neuen Diagnose- und Mess­methoden, Biologen analysieren Zellen und Gene, Informatiker arbeiten an Diagnose-Methoden – und Ärzte wenden die neuen Erkenntnisse in den Operationssälen und bei Therapien an. TranslaTUM steht für „Zentral­institut für Translationale Krebs­forschung“. Hier sollen Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis über­tragen, also medizinisch nutzbar gemacht werden (Translation).

750 außeruniversitäre Forschungsinstitute gibt es in Deutschland, darunter auch die „großen Vier“ der Forschungslandschaft: die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft. 750 außeruniversitäre Forschungsinstitute gibt es in Deutschland, darunter auch die „großen Vier“ der Forschungslandschaft: die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft. © iStock

Mit der Munich School of Robotics and Machine Intelligence (MSRM) wird aktuell ein neues inter­disziplinäres Forschungs­zentrum der TUM gebaut. Dort treffen Künstliche Intelligenz, Maschinelles Lernen und Robotik aufeinander. Und auch die nächste Fakultät der TUM ist bereits in Sicht­weite, zumal man von dort weit blicken wird: Luft- und Raum­fahrt-Technik. Die Vorbereitungen für einen Start noch in diesem Jahr laufen an der TUM. Es gehe nicht um Flüge zum Mars, betont Marsch, aber inzwischen sei die Technik so weit, dass erdnahe Satelliten Umwelt-, Boden- und Verkehrs­beobachtungen machen könnten – selbst­verständlich eine inter­disziplinäre Heraus­forderung: Gefragt seien neben Luft- und Raum­fahrt­technik unter anderem Kompetenzen in Agrar­wissen­schaften, Signal­transport, Bildgebung und Informatik.

Große Nachfrage nach inter­disziplinären Kompetenzen

Interdisziplinäre Studiengänge gelten unter den Absolventen als zukunftsträchtig, da sie aktuell offenbar genau die Anforderungen der Wirtschaft erfüllen. Die Nachfrage nach inter­disziplinären Kompetenzen der graduierten Berufs­einsteiger ist groß! Einem Mediziner mit Biologie-Kompetenz oder einem Ingenieur mit IT-Wissen wird wegen ihrer übergreifenden Expertise eher zugetraut, zur Lösung der vielfältigen Herausforderungen der Zukunft beizutragen, als mono­disziplinär ausgebildeten Kollegen. Doch Kritiker sprechen schon von einem Wildwuchs der Studiengänge und Professor Michael Schäfers, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin der Uni Münster, warnt: „Eine zu frühe und zu starke Konzentration auf Interdisziplinarität im Studium birgt ein Risiko.“ Schäfers betont: „Wir müssen weiterhin die disziplinäre Stärke achten. Wir brauchen Leute, die in ihrem Fach in die Tiefe gehen können!“

Wir müssen weiter die disziplinäre Stärke achten. Wir brauchen Leute, die in ihrem Fach in die Tiefe gehen können.
Professor Michael Schäfers, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin der Uni Münster

Professor Schäfers gehört zu den drei Koordinatoren des Exzellenz­clusters „Cells in Motion“ (CiM) in Münster und hat ihn seit 2012 mit aufgebaut: „Am Anfang hatten wir natürlich eine Menge administrative Arbeit. Wir mussten unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen unter einen Hut bringen. Das war nicht immer einfach. Denn die klassischen Fächer haben jeweils ihre eigenen Strukturen – zumindest institutionell.“ Inzwischen arbeiten Natur­wissen­schaftler mit Mathematikern, Informatikern und Medizinern stark vernetzt am gemeinsamen Ziel des CIM: Sie wollen das Zusammenspiel von Zellen in Organismen verstehen. Schäfers: „Wir arbeiten hier an vielen medizinisch relevanten Themen, darunter Erkrankungen, die in der Gesellschaft weit verbreitet sind, etwa Multiple Sklerose oder Arterio­sklerose. Durch die enge Verzahnung von Grundlagen­forschung und Klinik wollen wir am Ende nützliche Ergebnisse für die Behandlung von Krankheiten erzielen.“

Gemeinsames Mittag­essen bringt Forscher zusammen

Zur interdisziplinären Zusammenarbeit in Münster trägt auch das Brownbag-Lunch an jedem Donnerstag bei. Dann holen sich die Nachwuchs­wissenschaftler aus unter­schiedlichen Fachgebieten ein Lunch­paket, den „Brownbag“, und hören in entspannter Atmosphäre beim gemeinsamen Mittagessen Vorträge von Forscherinnen und Forschern andere Projektgruppen. So kommen junge Wissenschaftler, die sich vielleicht sonst nie getroffen hätten, miteinander in Kontakt, können sich austauschen und Ideen für gemeinsame Projekte entwickeln.

Kommunikation zwischen den Disziplinen auszubauen, ist für Professor Schäfers eine der Kern­aufgaben bei interdisziplinären Forschungsprojekten: „Wir haben konsequent die Schnittstellen zwischen den Fakultäten gestärkt. Wenn jeder seinen Claim verlässt, entstehen viele spannende Kooperationen über die Fakultätsgrenzen hinweg.“

Dieser Artikel ist in der Sonderveröffentlichung „Forschungswelten: Interdisziplinarität“ am 05.07.2018 in DIE ZEIT erschienen.

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