1000-mal kopiert – trotzdem echt

Das Kopieren, also das Nach­machen von Dingen oder Verhaltens­weisen, gehört seit Menschen­gedenken zum All­tag. In der Moderne jedoch ist das Verbreiten von Texten, Bildern, Videos und Ton via Internet und Copy-and-Paste so leicht geworden wie nie zuvor. Und wer wann was kopieren darf, ist hoch­um­stritten.

CD-Rohlinge
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Herr Professor Schmücker, was ist so schlimm am Kopieren?
Meiner Ansicht nach gar nichts! Das Kopieren ist eine wichtige Kultur­technik – das fängt beim Sprachen­lernen an und hört beim Nach­bau eines Werk­zeugs oder einer Maschine noch lange nicht auf. Auch für den technischen Fort­schritt ist Kopieren un­ab­ding­bar. Denn Verbesserungen einer Sache kommen oft so zu­stande, dass etwas kopiert und dabei eben verbessert wird. Aber es gibt einen grund­sätzlichen Konflikt: Einer­seits schränkt das Urheber­recht das legale Kopieren erheblich ein. Anderer­seits kopieren viele Menschen illegal Bücher, Filme oder Musik, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Als Ethiker habe ich mich gefragt: Wie passt das zusammen? Warum wird das geltende Urheber­recht von vielen Menschen offenbar nicht als richtiges Recht wahr­genommen? Und wie müssten Rechts­normen aus­sehen, die der Kultur­technik des Kopierens angemessen Rechnung tragen?

Reinhold Schmücker
…hat Philosophie, Germanistik und Evangelische Theologie in Tübingen und Hamburg studiert und ist seit 2009 Professor für Philosophie an der West­fälischen Wilhelms-Universität Münster. Er leitet zusammen mit Professor Dr. Thomas Dreier und Professor Dr. Pavel Zahrádka die Forschungs­gruppe „Ethik des Kopierens“ am Zentrum für inter­disziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Biele­feld.

Welche Disziplinen haben Sie für die Beantwortung dieser Fragen ins Boot geholt?
Zum einen natürlich die Rechts­wissen­schaft und hier insbesondere Vertreter des Urheber­rechts. Man braucht aber auch Kultur­wissen­schaftler, die sich anhand historischer und aktueller Beispiele mit der Frage beschäftigen, was eine Kopie ist, ein Original und ein Arte­fakt. In China oder Japan gibt es beispiels­weise teil­weise eine viel größere Wert­schätzung der Kopie als bei uns. Und man kann ja tatsächlich darin, dass etwas oft und möglichst genau kopiert wird, auch einen Aus­druck der An­erkennung der Leistung eines Ur­hebers sehen. In unserer Forschungs­gruppe haben sich Kunst-, Literatur-, Medien- und Sozial­wissen­schaftler unter anderem um solche Fragen und Vergleiche gekümmert.

Welche Perspektive stammt von Ihnen als Philosoph?
Ich selber habe mich gefragt, ob und wie sich Prinzipien einer Ethik des Kopierens formulieren lassen, die auf eine breite Zu­stimmung in der Gesellschaft stoßen würden, und zwar nicht nur in Europa. Dafür habe ich mir auch die Arbeiten von Kollegen aus der Sozio­logie an­geguckt, die erheben, welche kopier­ethischen Über­zeugungen in der Bevölkerung bestehen. Mein Kollege Pavel Zahrádka hat zum Beispiel durch eine empirische Studie in Tschechien fest­gestellt, dass die Bereit­schaft, für Kopien zu bezahlen, sinkt, wenn der Preis als über höht empfunden wird. Natürlich ist nicht alles moralisch richtig, was jemand für richtig hält. Aber als Ethiker kann man an den moralischen Über­zeug­ungen der Menschen auch nicht einfach vorbei­gehen.

Inwiefern?
Wenn jemand es für un­oralisch hält, dass ein welt­weit operierender Wissen­schafts­verlag seine Mono­pol­stellung aus­nutzt und für die elektronische Kopie eines einzigen Auf­satzes von wenigen Seiten mehr als fünfzig Euro verlangt, die Autoren selbst aber keinen Cent davon sehen, dann ist das ja nicht einfach deshalb falsch, weil der Verlag das Recht auf seiner Seite hat. Solchen Wucher empfinden die meisten Menschen als un­gerecht, weil er elementaren moralischen Prinzipien wider­spricht. Es könnte deshalb sein, dass der Gesetz­geber das Kultur­unter­gangs­geschrei der Lobbyisten über­hören wird und das Ur­heber­recht so ändert, dass solche Praktiken jeden­falls nicht begünstigt werden. Das muss man sich für viele solche Dinge im Einzelnen angucken.

Sie haben für das Forschungs­projekt zehn Monate lang mit anderen Wissen­schaftlern im Zentrum für inter­dis­ziplinäre Forschung in Bielefeld zusammen­gelebt. Kann man sich das wie ein Boot-Camp der Spitzen­forschung vorstellen?
Na, wie im Straf­vollzug war das nicht. Jeder Wissen­schaftler hatte ein eigenes Appartement, und wir haben natürlich nicht 24 Stunden am Tag mit­einander verbracht. Aber man arbeitet in einem solchen Forschungs­zentrum sehr viel intensiver zusammen als in einem Universitäts­institut. Und wir haben manchmal auch zusammen gekocht oder bei Käse und Wein über die Ethik des Kopierens diskutiert.

Was war die größte Schwierigkeit bei der inter­disziplinären Zusammen­arbeit?
Wenn man aus verschiedenen Disziplinen kommt, braucht man Zeit, um zu verstehen, warum eine Kollegin aus einem anderen Fach so anders an ein Problem herangeht als man selber. Wir haben ungefähr drei­ein­halb Monate gebraucht, bis wir einen Weg gefunden hatten, mit dem in unseren jeweiligen Fächern teil­weise sehr unter­schied­lichen Verständnis vieler der für unser Forschungs­feld zentralen Begriffe produktiv um­zu­gehen. Nehmen Sie den Begriff des Werks. Ist zum Beispiel ein Groschen­roman ein Werk? Aus der Sicht einer Literaturwissenschaftlerin, die einen ästhetisch-normativen Werkbegriff zugrunde legt, eher nicht. Im Sinne des Ur­heber­rechts ist ein Groschen­roman hingegen durch­aus ein schutz­fähiges Werk.

Worauf soll Ihre Forschung hinaus­laufen?
Ich denke, dass die Kopier­ethik in einem digitalen Zeit­alter ein sehr wichtiges Feld angewandter Ethik ist. Das möchte ich deutlich machen, indem ich einige Prinzipien einer solchen Bereichs­ethik möglichst über­zeugend formuliere. Dabei geht es letztlich auch darum, zu unter­suchen, ob die recht­lichen Rahmen­bedingungen des Kopierens verändert werden müssen, damit sie einen fairen Aus­gleich zwischen den Interessen von Urhebern, Verwertern und den an der Anfertigung und Nutzung von Kopien Interessierten gewähr­leisten können.

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