Die Rhetorik und die Medien

Gute Publizisten führen die Tradition antiker Rhetoren fort. Mit Sprachwitz und raffiniertem Aufbau ihrer Texte ziehen sie die Leser in ihren Bann. Gute Argumente allein reichen nämlich nicht, um das Publikum zu überzeugen: Sie müssen auch gut formuliert sein, besser als die des Gegners nämlich.

Person hält eine Zeitung in der Hand
© pixabay

Rhetorische Stilmittel helfen dabei, Informationen anschaulich aufzubereiten oder einem Argument stärkere Überzeugungskraft zu verleihen. Wenn man es mit dem rhetorischen Ornat übertreibt, wirken Texte allerdings schnell selbst­verliebt. Auch ist nicht jedes Thema für stilistische Kunstgriffe geeignet: Der Glossen­ton mag angebracht sein bei einem geharnischten Kommentar zu obskuren Brief­kasten­firmen in Panama, mit denen Superreiche sich vor Steuern drücken. Die Terror­anschläge von Brüssel laden hingegen nicht zu Wortspielen ein. Hier ist also Augenmaß gefragt. Rhetorik kann der Ausschmückung, Bekräftigung oder Spannungs­erzeugung dienen, sie kann aber auch ein Mittel der Manipulation und Täuschung sein. Manchmal versteckt sich auch nur eine schlechte Recherche hinter imponierendem Wort­ge­klingel. Eine schöne Sprache garantiert also keineswegs einen guten Inhalt oder eine richtige Information. Dies gilt es zu entdecken und bisweilen auch zu entlarven.

Didaktisch-methodischer Kommentar:
Die Lehr- und Bildungspläne im Fach Deutsch sehen vor, rhetorische Mittel und sprachliche Bilder erkennen und deuten zu lernen und die Wirkungsweise sprachlich-stilistischer Gestaltungsmittel an Beispielen darzustellen. Die Schülerinnen und Schüler sollen die funktionale Verwendung und den gestalterischen Einsatz von Sprache einüben und die Vermittlung und Inszenierung von Wirklichkeit in Medien erörtern. Hierzu gehört auch das Herausarbeiten des Wirkungszusammenhangs und der Intention sprachlicher Äußerungen sowie das Durchschauen von Möglichkeiten der Manipulation, um selbst sprachlich-stilistische Mittel bewusst, überlegt und zielgerichtet einsetzen zu können. Das Kapitel „Medientexte im Unterricht“ besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Zunächst wird die Rhetorik von Medientexten thematisiert und ein Instrumentarium der rhetorischen Textanalyse vorgestellt. Mit diesem Werkzeug werden im zweiten Teil stilistisch besonders interessante Artikel beispielhaft analysiert. Die Rhetorik-Analyse ist so angelegt, dass sie von den Schülerinnen und Schülern abschnittweise nachvollzogen werden kann. Arbeitsaufträge, die auch auf das inhaltliche Verständnis der Texte abzielen, komplettieren die Analysen.

Rhetorik: Die unsichtbare Unter­konstruktion jedes Textes

Die Rhetorik ist in der Antike entstanden. Damals tüftelte man erstmals an einem Instrumentarium für das Erstellen und Ausführen erfolgreicher Reden. Das Modell war das Gericht. Wie begründet man eine Anklage? Und wie eine Verteidigung? Es fiel auf, wie wichtig der Umgang mit Argumenten war: sowohl im Sinne ihrer Erfindung und Anordnung als auch in der sprachlichen Ausgestaltung mit gewissen Glanz­punkten, zum Beispiel mit kühnen Metaphern. Dies wurde rasch auf die Politik übertragen. Man wusste: Wie vor Gericht setzt sich die Wahrheit oder das Richtige nicht von selbst durch. Die Probleme sind oft zu verwickelt, die Zuhörer leicht ablenkbar oder haben vorgefasste Meinungen. Da gilt es, Aufmerksamkeit für das Thema zu erzielen, Emotionen zu wecken, die die eigene These annehmbar machen. Die Griechen und nach ihnen die Römer haben dafür einen entsprechenden Unterricht organisiert und das Wichtigste in Lehrbüchern (Rhetoriken) zusammengetragen.

Seit der Antike ist das Interesse an Rhetorik und rhetorischer Rede in Europa nie mehr erlahmt, auch wenn sich die Umstände änderten. Schon im Rom der Kaiserzeit gab es keine freie politische Meinungs­äußerung mehr. Die Entscheidungen fielen nicht mehr in der Volks­versammlung, sondern wurden vom Kaiser eigenmächtig getroffen. Da war wenig Raum für die politische Rhetorik. Allerdings gab es weiter Gerichte und Anwälte, die Interessen vertraten. Im Mittelalter waren es Prediger, die Reden hielten und dabei rhetorischen Lehren folgten. In der Neuzeit entstanden dann Parlamente, zuerst in England, nach der Französischen Revolution auch in Frankreich. In Deutschland war das erste Parlament mit gewählten Abgeordneten 1848/49 die Frankfurter National­versammlung. Hier wurde viel debattiert, auch wenn die Einigung Deutschlands und die Durch­setzung einer Verfassung nicht zustande kamen. Preußisches Militär löste die Versammlung auf. Erst nach dem Ersten Welt­krieg, im Jahre 1918, wurde in Deutschland die Monarchie abgeschafft und eine Demokratie ausgerufen. Sie erhielt in der Weimarer Verfassung ihre Basis, die bis heute – trotz zwischen­zeitlicher Außerkraftsetzung durch die national­sozialistische Herrschaft – ihre Gültigkeit hat. In dieser wie in jeder Demokratie spielt die Rede eine zentrale Rolle. Noch im heutigen Bundestag haben gute Redner manchen Vorteil, obwohl wir längst nicht mehr in einer mündlichen Kultur leben.

Es gibt also Konjunkturen der öffentlichen, politischen Rhetorik. Zu allen Zeiten aber konnte man seine Gedanken wenigstens schriftlich fixieren und dabei die alten Überzeugungsmittel anwenden. In der römischen Kaiserzeit traten Autoren wie Tacitus mit brillanten schriftlichen Analysen der politischen Zustände auf, und auch im Mittel­alter finden sich rhetorisch achtbare Zeugnisse von Redekunst, diesmal aus der Feder von Klerikern. In der Neuzeit begegnen uns dann massenhaft vertriebene Texte in der Form von Flugschriften, ehe schließlich die Buchproduktion anzieht und eine immer weiter alphabetisierte und immer besser gebildete Bevölkerung mit Schriften aller Art versorgt. Hier geht es dann auch nicht mehr ausschließlich um politisch-öffentliche oder religiöse Inhalte: Die Rhetorik ist heute sozusagen die unsichtbare Unter­konstruktion jedes Textes. Und doch wird man die kunstvollsten Verstrebungen auch weiterhin in solchen Texten und Ansprachen finden, mit denen ein großes Publikum von einer bestimmten Perspektive überzeugt werden soll.

Die Erben der rhetorisch geprägten Schrift­kultur sind die Kommentatoren und Essayisten in den Medien. Man lernt hier immer noch, wie man Argumente sachlich und sprachlich am besten vertritt, um Auf­merksamkeit und Zustimmung zu erzielen. Viel ist dabei von den alten „Tricks“ vorhanden, die in den Rhetoriken seit der Antike vermittelt worden sind. Eines sollte man bei alldem jedoch im Auge behalten: Ein rhetorisch guter Text muss noch lange kein „richtiger“ Text sein. Die argumentative und stilistische Kunstfertigkeit ist sozusagen wahrheitsneutral. Man kann durchaus Rhetoriker für ihr rhetorisches Talent bewundern, auch wenn sie das Gegenteil der eigenen Meinung vertreten. Es gibt sogar gute Rhetorik in Verbindung mit Verbrechen – wie bei den National­sozialisten. Auch Hitler, Goebbels und andere NS-Redner benutzten in ihren Reden Wort- und Satz­figuren aller Art, nicht zuletzt, um sich dem bürgerlichen Publikum anzudienen. Dass die Rhetorik derart mächtig ist, hat ihr zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kreisen einen schlechten Ruf eingebracht. Denker der Aufklärung beispielsweise waren oftmals Gegner der rhetorischen Lehre, weil sie in ihr ein Betrugsmittel sahen. Sie beriefen sich dagegen – und etwas naiv – auf die Vernunft. Auch Romantiker wandten sich gegen die „Verstellungs­kunst“: Die wahre Rede sei eine des Herzens und der Seele. Gleichwohl waren die Texte dieser Intellektuellen »rhetorisch« in hohem Maße. Auch heute wird mitunter „Klartext“ gefordert, was freilich selbst eine rhetorische Forderung ist. Umso wichtiger ist die Analyse von Aussagen, also die Zerlegung ihres rhetorischen Glanzes und die Überprüfung ihres Wahrheitsgehalts.

Um die rhetorische Struktur eines Textes zu erkennen, ist es gut, ihn wie im folgenden Kapitel in seine Bestand­teile zu zerlegen: in den (objektiven, neutralen) „Inhalt“, in die „Argumentationsstruktur“ (den Aufbau der Argumente) und in die „sprachliche Gestaltung“ (mit ihren auf den Satz und die einzelnen Wörter bezogenen sprachlichen Figuren). Die Anwendung dieser Mittel geschieht freilich unbewusst. Kein Journalist und keine Journalistin macht sich zuerst eine Liste von argumentativen Kunstgriffen oder rhetorischen Figuren, die er oder sie dann in den Beitrag hineinmischt. Der Gegenstand selbst gibt das Maß vor: Er verträgt manchmal mehr, manchmal weniger „Schmuck“.

Arbeitsanregungen zur Verwendung von Medientexten im Unterricht finden Sie in „Textanalyse – so geht’s“.


Das könnte Sie auch interessieren

X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier