Interview: Traumberuf Journalistin?

Jana Gioia Baurmann, Redakteurin im Wirtschaftsressort der ZEIT, spricht über ihren Weg in die Medien, den digitalen Wandel und die Vertrauenskrise, der sich Medienschaffende heute ausgesetzt sehen.


Jana Gioia Baurmann © Kathrin Spirk

Jana Gioia Baurmann, Jahrgang 1985, gehört zu den jungen Redakteuren im Zeitverlag. Sie hat Spanisch, Germanistik und Kommunikationswissenschaft studiert, dann für das ZDF und 3sat gearbeitet, Schwerpunkt Außenpolitik. An der Deutschen Journalistenschule in München (DJS) wurde sie zur Redakteurin ausgebildet. Ihre Schwerpunkte in der Wirtschaftsredaktion der
ZEIT sind Medien, Digitales und Gesellschaft


Wie haben Sie zum Journalismus gefunden?
Ich gehöre nicht zu denen, die schon für die Schülerzeitung geschrieben haben. Nach dem Abitur wollte ich Fluglotsin werden, Psychologin, Wirtschaftsingenieurin. Alles interessierte mich, und die Vorstellung, mich auf eine Sache festzulegen, gefiel mir überhaupt nicht. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie es passierte, aber plötzlich war da der Journalismus. Ein Beruf, der dieses alles bietet: unterschiedliche Welten, verschiedene Themen, Menschen, die einem ihre Geschichten erzählen. Mit 22 machte ich mein erstes Praktikum, beim ZDF – und merkte, dass das genau der Job ist, den ich machen will.

Für viele junge Menschen ist der Journalismus ja ein Traumberuf. Was war in der Realität dann anders als in Ihrer Vorstellung?
Seit ich ihn entdeckt habe, ist es mein Traumberuf. Ich weiß nicht mehr, was für eine Vorstellung ich vom Dasein als Journalistin hatte. Vielleicht glaubt man anfangs noch, dass man mit jedem Artikel etwas bewegt in der Gesellschaft. Das ist naiv und sehr romantisch. An der Journalistenschule sagte ein Dozent mal: Journalismus ist Handwerk, mehr nicht. Wie wir protestiert haben: Das stimmt nicht! Jeder Text ist viel, viel mehr als das! Heute kann ich sagen: Ja, viele Texte sind mehr als reines Handwerk, manche müssen aber auch schnell geschrieben werden – und dann hilft das Handwerk schon sehr.


Vertrauen beruht auf Nähe. Nähe aber bedeutet nicht, einer Meinung zu sein.
Jana Gioia Baurmann

Würden Sie jungen Menschen, die sich für Journalismus interessieren, raten, Journalistik zu studieren? Oder lieber ein anderes Fach?
Ratschläge sind immer so eine Sache. Natürlich ist es gut, einen Bereich zu haben, in dem man sich besonders gut auskennt. Andererseits kenne ich sehr gute Journalisten, die nicht studiert haben. Ich würde eher sagen: Es ist wichtig, etwas anderes außer Journalismus gemacht zu haben beziehungsweise zu machen. Das kann eine Ausbildung sein, ein soziales Projekt, eine längere Zeit im Ausland oder eben ein Studium. Als Journalist muss man ein Gespür für die Welt bekommen, für die Gesellschaft, in der man lebt. Ein Journalistikstudium allein leistet das nicht.

Wie sieht ein üblicher Arbeitstag bei Ihnen aus?
Nach dem Aufstehen schaue ich, was über Nacht in der Welt passiert ist: auf Twitter, Face­book, In­sta­gram und Onlinemedien wie ZEIT Online. Im Büro überfliege ich das Handelsblatt und die Süddeutsche Zeitung, lese den Economist. Ich telefoniere viel. Schreibe noch mehr E-Mails. Redigiere Texte von Kollegen. An drei Tagen in der Woche konferieren wir, jeweils ein bis zwei Stunden lang. Zum Schreiben komme ich meist nur vor zehn Uhr oder nach 17 Uhr. Oder am Wochenende.

Wie stressig ist dieser Job?
Ich bin viel unterwegs, was ein großes Privileg ist und was ich sehr genieße – aber natürlich kostet es Kraft. Doch vor allem ist der Job anstrengend, weil man sich sehr über ihn definiert: Es sind die eigenen The­men­ideen, die man recherchieren und aufschreiben will. Es ist die eigene Sprache, mit der man das dann tut. Das ist sehr persönlich, dadurch kann man es nicht so einfach ausblenden. Und es gibt keinen wirklichen Feier­abend, weil gute Geschichten immer und überall sind.

Eine Spiegelreflexkamera filmt ein Interview
© pixabay

Entscheiden Sie eigenständig, über welche Themen Sie schreiben? Und mit welcher Haltung?
Themen, die mir auffallen und von denen ich meine, dass man sie behandeln muss, schlage ich in der Konferenz vor. Wir diskutieren dann, wie relevant das Thema ist, und die Kollegen sagen, ob es sie interessiert. Wie ich über etwas schreibe, entscheide ich. Das ist auch ein Merkmal der ZEIT, finde ich: dass man von Woche zu Woche verschiedene Meinungen zu einem Thema lesen kann, manchmal sogar in derselben Ausgabe.

Gibt es Vorgaben oder besondere Rücksichten? Solche Vorstellungen kursieren in der Öffentlichkeit.
Wenn mit „Rücksicht“ gemeint ist, ob wir nur wohlwollend über Anzeigenkunden schreiben dürfen: Wir schreiben unsere Meinung auf.

Die ZEIT hat im Juni 2015 eine Umfrage zum Medienvertrauen durchgeführt und dabei das Ergebnis erhalten, dass 53 Prozent der Deutschen „wenig“, 7 Prozent „gar kein“ Vertrauen in Medien haben. Es werde schlecht recherchiert und einseitig informiert, gab diese Mehrheit an. Können Sie sich erklären, wie es zu solchen Einschätzungen kommt?
In letzter Zeit ist es mehrfach vorgekommen, dass mich einige meiner Nichtjournalisten-Freunde gefragt haben, ob ich eigentlich wirklich meine Meinung schreiben darf. Dieses Misstrauen beschäftigt mich sehr. Warum glaubt ihr das?, frage ich dann. Lesen sich meine Texte so gesteuert? Der Eindruck, den meine Freunde haben, hängt aber in der Regel gar nicht mit einem bestimmten Text zusammen, sondern es ist ein Grundgefühl. Wie sich das verbessern lässt, darüber denke ich nach.

Generell habe ich zunehmend das Gefühl, dass der Journalismus die Verbindung zur Gesellschaft verliert: Wenn ich unterwegs bin und mich mit Menschen unterhalte – im Zug, im Club, mit dem Taxifahrer –, dann merke ich, dass ich an einer Zeitung mitwirke, die eine Welt beschreibt, die vielen fremd ist. Oder, andersrum: Ihre Welt ist mir fremd. Das liegt daran, dass ich in einer ganz anderen Welt zu Hause bin als sie. Es ist belegt, dass die meisten Journalisten aus der Mittelschicht stammen, die Eltern sind Angestellte oder Beamte (auch ich zähle dazu). Gemacht werden die Medien in Großstädten, wo in Cafés Paleo-Kuchen serviert wird und man sich Macadamia-Milch in den Kaffee rührt. Die meisten Deutschen aber leben in ländlichen Regionen, mehr Menschen schauen sogenanntes Unterschichtenfernsehen – ich mag diesen Begriff nicht – und nicht 3sat, die AfD erreichte bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt 24,2 Prozent. Vertrauen beruht auf Nähe. Nähe bedeutet nicht, einer Meinung zu sein. Sondern einfach, sich aus seiner Blase herauszubewegen.

Was müssten die Medien Ihrer Meinung nach tun, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen?
„Die Medien“ gibt es nicht. Und anders als früher gibt es nicht mehr nur die Tagesschau um 20 Uhr und zwei Zeitungen am Ort, sondern das Internet. Bestimmten Seiten dort vertrauen die Leute. In der Regel sind das journalistisch fragwürdige Seiten: Verschwörungstheorien, Artikel, in denen gegen das Fremde gehetzt wird und Gerüchte verbreitet werden. Wenn ich also das Vertrauen dieser Menschen zurückgewinnen will, muss ich irgendwie mit ihnen kommunizieren und ihnen zeigen, dass die Verschwörungstheorien und Gerüchte unwahr sind. Und da sind wir wieder bei Nähe. Schaut man sich beispielsweise die Kommentare unter bestimmten Posts auf Face­book an, dann ist das die Verschwörungstheorie-Gerüchte-Hetze-Meinung, die dort vertreten wird. Menschen, die anderer Meinung sind, kommentieren da nicht. Ich halte auch nicht dagegen. Warum eigentlich nicht?

Sie arbeiten als Expertin für Medien- und Digitalthemen im Wirtschaftsressort. Sonst spricht man in Zeitungen oft von „Netzkultur“. Wird die wirtschaftliche Seite des Internets von den Medien insgesamt zu wenig berücksichtigt?
Da ist die Frage, welches Medium man nimmt. Magazine wie Business Punk, Capital oder ­Wired erzählen auch die wirtschaftlichen Seiten. Zeitungen machen das hingegen noch immer zu wenig.

Glauben Sie, dass der Journalismus von morgen ein hauptsächlich digitaler ist?
Auf jeden Fall. Und nicht erst morgen, sondern schon heute.

Wird das den gesamten wirtschaftlichen Unterbau des heutigen Mediensystems verändern?
Natürlich. Das merkt man ja schon seit Jahren. Ich muss mir heute keine Zeitung mehr kaufen, einzelne Artikel – also diejenigen, die nicht online erscheinen – kann ich inzwischen über Plattformen wie ­Blendle lesen. Die Macher von ­Blendle sind die Ersten, die es geschafft haben, einen Online-Zeitungskiosk aufzubauen, mit dem viele Verlage kooperieren. Die Verlage müssen sich neue Distributionswege suchen, da die Werbeeinnahmen wegbrechen. Aber ob Print, Fernsehen, Radio, Online: Der Journalismus hat sich schon immer verändert – und es gibt ihn noch immer. Die Menschen wollen Geschichten erzählt bekommen, das wird auch in Zukunft so sein. Nur wie genau das passiert, ändert sich. Man sollte vor dieser Entwicklung aber keine Angst haben, sondern sie als ­Chance sehen.

Bemerken Sie, dass die Top-Positionen im Journalismus hauptsächlich mit Männern besetzt sind?
Bei der ZEIT ist das nicht so. Okay, mein Ressort ist eine Ausnahme, weil sowohl mein Ressortleiter als auch einer der Stellvertreter Männer sind – in anderen Ressorts ist das aber anders: unsere stellvertretende Chefredakteurin ist eine Frau, wir haben eine Chefin vom Dienst, eine Textchefin, Ressorts wie Dossier, Feuilleton oder Z werden von Frauen (mit)geleitet.

Was ist Ihrer Meinung nach die drängendste Frage, vor der der Journalismus heute steht?
Die für mich drängendste Frage ist die nach dem Vertrauen. Wenn wir etwa über den digitalen Wandel sprechen, geht es um die Wirtschaftlichkeit der Verlage, um Arbeitsplätze von Journalisten. Die Vertrauenskrise aber betrifft unsere Gesellschaft.


Arbeitsanregung – Traumberuf Journalist/in?

Trotz der ökonomischen Medienkrise streben viele junge Menschen eine Karriere im Journalismus an.

a) Plenumsaufgabe / Gruppenaufgabe: Fassen Sie die Vor- und Nachteile des Journalistenberufs zusammen.
b) Plenumsaufgabe: Erörtern Sie, ob und unter welchen Umständen dieser Beruf für Sie infrage käme.
c) Plenumsaufgabe: Sammeln Sie im Plenum Ihre weiteren Fragen zum Berufsfeld Journalismus, und entwickeln Sie hieraus eine gemeinsame Vorlage für ein E-Mail-Interview mit einem Journalisten oder einer Journalistin.
d) Einzelaufgabe / Gruppenaufgabe: Recherchieren Sie in einem sozialen Netzwerk, Berufsnetzwerk, Journalistenblog oder Forum nach einem möglichen Adressaten, der sich bereit erklärt, Ihre Fragen zu beantworten. Tauschen Sie sich anschließend über die unterschiedlichen Antworten Ihrer Interviewpartner aus.
e) Einzelaufgabe: In einem Medium für Qualitätsjournalismus wird eine Stelle für eine/n Wirtschaftsjournalisten/in ausgeschrieben. Entwerfen Sie einen möglichst realistischen Lebenslauf, mit dem ein Berufsanfänger Ihrer Meinung nach gute Chancen auf eine Anstellung hätte (Ausbildung, Praktika, Erfahrungen etc.).
f) Plenumsaufgabe: Besprechen Sie Ihre Bewerbungen im Plenum, und erörtern Sie (auch mittels Recherche nach echten Gesuchen), welche Interessen und Fähigkeiten für diesen Beruf besonders wichtig sind.


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